Bearer Channel

Abkürzung: B-Kanal

Der B-Kanal ist der Nutzkanal des ISDN. Er überträgt 64 kbit/s und tut das vollständig transparent: Was der Sender hineingibt, kommt beim Empfänger bitgleich heraus. Das Netz wertet den Inhalt nicht aus und weiß nicht, ob darin Sprache, ein Fax oder ein Datenstrom steckt.

Diese Transparenz ist die eigentliche Eigenschaft des B-Kanals und der Grund, aus dem ISDN so vielfältig genutzt wurde.

Wie viele B-Kanäle ein Anschluss hat

Die Zahl der Nutzkanäle unterscheidet die Anschlussarten:

AnschlussAufbauNutzdatenrate
Basisanschluss (BRI)2B + D, D mit 16 kbit/s128 kbit/s
Primärmultiplexanschluss (PRI), Europa30B + D, D mit 64 kbit/s1,92 Mbit/s
Primärmultiplexanschluss, Nordamerika23B + D1,472 Mbit/s

Der Unterschied zwischen 30 und 23 Kanälen liegt in der zugrundeliegenden Hierarchie: Ein europäischer E1-Rahmen trägt 32 Zeitschlitze, von denen einer für die Rahmensynchronisation und einer für den D-Kanal abgehen; ein nordamerikanischer T1-Rahmen hat 24.

Die 64 kbit/s sind kein Zufallswert. Sie ergeben sich aus der Digitalisierung der Telefonsprache: 8000 Abtastungen je Sekunde bei 8 Bit Auflösung. Der B-Kanal ist damit auf ein Telefongespräch zugeschnitten, und alles andere nutzt eine Infrastruktur, die dafür gebaut wurde.

Was über einen B-Kanal läuft

Sprache, codiert nach G.711 — in Europa mit der A-Law-Kennlinie, in Nordamerika mit μ-Law. Das ist der Normalfall und der Grund für die Kanalbreite.

Fax der Gruppe 3, das den Kanal wie eine analoge Leitung behandelt und seine Modemtöne darüber schickt. Dass das funktioniert, liegt an der Transparenz: Das Netz greift nicht ein.

Daten als Wählverbindung, früher mit 64 kbit/s je Kanal. Durch Kanalbündelung ließen sich beide B-Kanäle eines Basisanschlusses zu 128 kbit/s zusammenschalten — entweder auf Protokollebene mit Multilink-PPP oder im Endgerät nach dem BONDING-Verfahren.

Paketvermittlung nach X.25, die über einen B-Kanal geführt werden konnte, wenn höhere Durchsätze als über den D-Kanal nötig waren.

Warum der B-Kanal in der SIP-Welt weiterlebt

Mit der Abschaltung der ISDN-Anschlüsse ist der B-Kanal als Technik verschwunden — als Rechengröße aber nicht. Bei der Umstellung einer TK-Anlage auf einen SIP-Anschluss ist die wichtigste Frage, wie viele Gespräche gleichzeitig geführt werden sollen, und die Antwort stammt aus der ISDN-Welt: Ein B-Kanal entspricht einem gleichzeitigen Gespräch.

Ein Betrieb mit zwei Basisanschlüssen hatte vier gleichzeitige Gespräche, also braucht der SIP-Anschluss vier Kanäle. Die Anbieter rechnen deshalb weiterhin in Sprachkanälen ab, und viele Anlagenkonfigurationen führen die Angabe unter diesem Namen.

Zwei Unterschiede sind dabei zu beachten:

Die Bandbreite ist nicht mehr dieselbe. Ein Gespräch mit G.711 braucht über IP samt allen Kopfdaten rund 85 bis 100 kbit/s je Richtung, nicht 64. Wer die Anschlussbandbreite nach der alten Zahl auslegt, rechnet zu knapp.

Die Kanalzahl ist eine Vereinbarung, keine Hardware. Beim ISDN war sie physisch begrenzt; beim SIP-Anschluss ist sie eine Zahl im Vertrag, die sich ändern lässt — und die bei Überschreitung nicht einfach belegt ist, sondern vom Anbieter abgewiesen wird.

Abgrenzung

D-Kanal trägt die Signalisierung: Rufnummern, Verbindungsaufbau, Zusatzdienste. Er wird vom Netz ausgewertet, der B-Kanal nicht. Diese Trennung von Nutzdaten und Steuerung ist das Kennzeichen des ISDN gegenüber der analogen Technik, bei der die Wählinformation über dieselbe Leitung lief wie das Gespräch.

H-Kanäle sind Bündelungen mehrerer B-Kanäle zu einem breiteren Kanal, etwa H0 mit 384 kbit/s für Videokonferenzen.

Zeitschlitz ist die Einheit im Übertragungsrahmen, in der ein B-Kanal transportiert wird. Die Begriffe werden oft gleichgesetzt, bezeichnen aber verschiedene Ebenen: der Kanal die logische Verbindung, der Zeitschlitz seinen Platz im Rahmen.

Sprachkanal ist die Bezeichnung derselben Rechengröße am SIP-Anschluss.

Quellen

  • ITU-T I.412: ISDN user-network interfaces — Interface structures and access capabilities
  • ITU-T G.711: Pulse code modulation (PCM) of voice frequencies
  • ITU-T G.704: Synchronous frame structures used at hierarchical levels

Erstellt: · Überarbeitet: