ShowView
ShowView verschlüsselte Sender, Startzeit und Dauer einer Sendung in eine Zahlenfolge zur Programmierung von Videorekordern.
ShowView war ein Verfahren, mit dem sich Videorekorder durch Eingabe einer einzigen Zahlenfolge programmieren ließen. Statt Sender, Datum, Anfangs- und Endzeit einzeln einzustellen, tippte man die in der Programmzeitschrift abgedruckte Leitzahl ein.
Das Verfahren war herstellerübergreifend und wurde ab den frühen 1990er-Jahren von praktisch allen Geräteherstellern unterstützt. In den Vereinigten Staaten hieß es VCR Plus+, in Großbritannien VideoPlus+, in Teilen Asiens G-Code; die Bezeichnung ShowView galt für Deutschland und weitere europäische Länder.
Warum es das gab
Die Programmierung eines Videorekorders galt als sprichwörtlich schwierig. Sie erforderte, mehrere Werte nacheinander über wenige Tasten einzugeben, häufig über eine unübersichtliche Menüführung, und ein Fehler in einem einzigen Wert führte zu einer unbrauchbaren Aufzeichnung.
ShowView reduzierte das auf einen einzigen Eingabevorgang. Der Rekorder rechnete die Zahl in Sender, Uhrzeit und Dauer zurück und legte die Aufnahme selbstständig an.
Was im Code steckte — und was nicht
Der Code enthielt drei Angaben:
- den Sender, als sogenannte Leitkanalnummer
- die Anfangszeit
- die Dauer
Nicht enthalten waren Monat und Jahr. Der Tag im Monat steckte zwar im Code, alles Weitere entnahm das Gerät seiner eigenen Uhr. Lag der errechnete Tag vor dem aktuellen, nahm der Rekorder an, der folgende Monat sei gemeint.
Das erklärt eine Eigenheit, die vielen Nutzern auffiel: Eine falsch gestellte Rekorderuhr führte nicht zu einer verschobenen Aufnahme, sondern zu einer völlig anderen. Monat und Jahr gehen nämlich zusätzlich als Schlüsselmaterial in die Umrechnung ein. Ein Code aus einer alten Zeitschrift ergab damit nicht dieselbe Sendung ein Jahr später, sondern Unsinn.
Warum die Codes unterschiedlich lang waren
Die Leitzahlen reichten von einer bis zu neun Stellen. Das war beabsichtigt: Häufig aufgezeichnete Sendungen sollten möglichst kurze Zahlen erhalten.
Bevorzugt wurden reichweitenstarke Sender, Sendungen zur Hauptsendezeit und die ersten Tage eines Monats. Die Zuordnung stammte aus dem amerikanischen Ursprungssystem und passte dort gut, weil nahezu alle Sendungen zur vollen oder halben Stunde beginnen und ihre Dauer ein Vielfaches von 30 Minuten beträgt.
Im deutschen Fernsehen war das anders. Der Beginn um 20:15 Uhr nach der Tagesschau und unregelmäßige Sendelängen führten dazu, dass die Zeittabelle deutlich weniger systematisch ausfiel — und die Codes im Mittel länger.
Aufbau des Verfahrens
Die Umrechnung erfolgt in mehreren Schritten. Das Verfahren ist keine Verschlüsselung im kryptografischen Sinn, sondern eine Kombination aus Ziffernumformung, Bitverschränkung und Tabellennachschlag.
Umformung der Zahl. Zunächst wird die Leitzahl in eine gleich lange andere Zahl überführt. Dabei werden Ziffern stellenweise addiert, jeweils nur unter Verwendung der Einerstelle. Der Vorgang läuft dreimal; die letzte Stelle bleibt dabei stets erhalten.
Aufteilung. Die entstandene Zahl wird zerlegt: Die drei rechten Stellen bilden nach Abzug von eins einen Wert, aus dem sich der Tag im Monat und ein Restwert ergeben. Die verbleibenden Stellen bilden einen zweiten Wert.
Einbeziehung des Datums. Aus diesem zweiten Wert werden unter Verwendung des Tages und der Jahreszahl zwei neue Größen berechnet. Wie oft die zugehörige Schleife durchlaufen wird, hängt vom Jahr ab — konkret vom Rest der zweistelligen Jahreszahl bei Division durch 16. Genau hier fließt das Datum als Schlüssel ein.
Bitverschränkung. Die beiden entstandenen Zahlen werden in Binärstellen zerlegt und neu sortiert. Sender- und Zeitbits liegen dabei ineinander verschachtelt, in einer für jedes Land eigenen Reihenfolge. Aus den zusammengesetzten Zeitbits ergibt sich ein Index, aus den Senderbits die Kanalnummer.
Tabellennachschlag. Der Zeitindex verweist auf einen Eintrag in einer fest hinterlegten Tabelle, die zu jedem Index eine Anfangszeit und eine Dauer enthält. Diese Tabelle umfasste in den Vereinigten Staaten rund 16.000 Einträge; für Deutschland wurde ihr Umfang auf einige tausend geschätzt.
Die Bitverschränkung ist der Grund, warum sich das Verfahren nicht durch bloßes Ausprobieren durchschauen ließ: Benachbarte Leitzahlen ergeben völlig verschiedene Sendungen, weil sich beim Übergang mehrere Bits gleichzeitig ändern.
Der Leitkanal
Der Code enthielt keinen Sendernamen, sondern eine Nummer aus einer Liste. Diese Leitkanalnummern waren in den Programmzeitschriften abgedruckt und mussten am Gerät einmalig den dort eingestellten Programmplätzen zugeordnet werden.
Ohne diese Zuordnung nützte der beste Code nichts — eine Fehlerquelle, die bei jedem Sendersuchlauf neu auftrat.
Neunstellige Codes
Die längsten Codes trugen eine zusätzliche erste Stelle. Sie enthielt eine Minutendifferenz, die auf die Anfangszeit addiert und von der Dauer abgezogen wurde. Damit ließen sich Sendungen abbilden, deren Startzeit nicht auf einen Tabelleneintrag fiel.
War diese erste Stelle größer als fünf, kennzeichnete das zusätzlich einen erweiterten Kanalbereich; die Kanalnummer erhöhte sich dann um 193. Diese Konstellation kam selten vor.
Wer das Verfahren entschlüsselt hat
ShowView war nie offengelegt. Der Algorithmus war zwar patentiert, in der Patentschrift jedoch nur angedeutet — Rechenvorschriften sind als solche nicht schutzfähig, weshalb eine vollständige Beschreibung nicht erforderlich war.
Entschlüsselt wurde er in mehreren Etappen:
- Ken Shirriff und Curt Welch analysierten 1991/92 das amerikanische VCR Plus+ und veröffentlichten die erste vollständige Beschreibung.
- Steve Hosgood und Douggie McClaggan erschlossen Mitte der 1990er-Jahre die britische Variante VideoPlus+.
- Herbert Fichtner übertrug die Arbeit auf das deutsche ShowView.
- Gerhard Zelczak vereinfachte die Darstellung, dokumentierte sie ausführlich und stellte Beispielrechnungen bereit.
Vollständig gelöst wurde das Verfahren dabei nie. Für Deutschland blieben sieben- und achtstellige Codes bis zuletzt undekodiert; ohne die zugehörigen Tabelleneinträge ließen sie sich nicht auflösen.
Die Dokumentation zirkulierte in den 1990er- und 2000er-Jahren im Netz, teils anonym veröffentlicht — die Rechteinhaber gingen gegen Veröffentlichungen vor. Heute sind die meisten dieser Seiten verschwunden und nur noch in Archiven auffindbar.
Unterschiede zwischen den Ländern
Grundaufbau und Rechenschritte waren überall gleich. Unterschiedlich waren die Reihenfolge, in der Sender- und Zeitbits verschränkt wurden, sowie die Tabellen.
In Großbritannien gab es zur Entstehungszeit im Wesentlichen vier Programme, weshalb dort ein Bit weniger für die Senderkennung verwendet wurde. Die Zeit- und Dauertabellen der ShowView-Länder waren dagegen untereinander weitgehend identisch — lediglich die Senderzuordnung unterschied sich.
ShowView und VPS
ShowView löste die Eingabe, nicht die Pünktlichkeit. Begann eine Sendung verspätet, lief die Aufnahme dennoch zur programmierten Zeit — ein häufiger Ärger bei Übertragungen, die überzogen.
Dafür gab es in Deutschland ein zweites, unabhängiges Verfahren: Das Video-Programm-System übertrug im unsichtbaren Teil des Fernsehbildes die geplante Anfangszeit der laufenden Sendung. Der Rekorder verglich dieses Signal mit seiner Programmierung und startete, sobald die Kennung übereinstimmte — unabhängig von der tatsächlichen Uhrzeit.
Beide Verfahren ergänzten sich: ShowView vereinfachte die Eingabe, VPS sicherte die Aufnahme gegen Verschiebungen. Auf europäischer Ebene wurde das Prinzip später unter der Bezeichnung Programme Delivery Control verallgemeinert und in den Videotext eingebettet.
Gibt es ShowView noch?
Nein. Das Verfahren ist vollständig verschwunden.
Mit dem Ende des Videorekorders entfiel der Anwendungsfall. Festplattenrekorder übernahmen die Programminformationen aus einem elektronischen Programmführer, der Sender, Zeiten und Titel direkt überträgt — eine Zahleneingabe war damit überflüssig. Programmzeitschriften stellten den Abdruck der Leitzahlen ein.
Der Lizenzgeber wurde übernommen und ging in einem größeren Medienunternehmen auf. Geräte mit ShowView-Unterstützung werden seit Jahren nicht mehr hergestellt.
Wer heute eine alte Zeitschrift aufschlägt und eine Leitzahl auflösen möchte, findet dafür kein funktionierendes Werkzeug mehr — abgesehen von den Beschreibungen des Algorithmus, die in Archiven überdauert haben.