RIPE Atlas
RIPE Atlas ist ein offenes Messnetz, mit dem sich das Internet von tausenden Standorten aus vermessen lässt. Betrieben wird es vom RIPE NCC; die Messpunkte — Probes — stehen bei Freiwilligen, die dafür ein kleines Gerät oder ein Softwarepaket an ihrem Anschluss betreiben.
Wozu RIPE Atlas gebraucht wird
Jede Messung vom eigenen Anschluss beantwortet nur eine Frage: wie es von hier aussieht. Ist ein Dienst von hier erreichbar, ist die Latenz von hier hoch, antwortet der Nameserver hier richtig.
Für fast alle interessanten Fragen genügt das nicht. Ob ein Dienst für Nutzer in Spanien erreichbar ist, ob eine Route über ein bestimmtes Land läuft, ob ein DNS-Eintrag überall gleich beantwortet wird, ob ein Netz nach einer Störung wieder sichtbar ist — das lässt sich nur von dort aus feststellen, wo die Nutzer sitzen.
Genau das leistet dieses Messnetz: Es stellt fremde Standpunkte zur Verfügung. Man beauftragt eine Messung, wählt aus, von welchen Netzen, Ländern oder Weltregionen aus gemessen werden soll, und bekommt die Ergebnisse zusammengeführt.
Probes und Anchors
Probes sind kleine Geräte, die über USB versorgt und per Ethernet an einen beliebigen Anschluss gehängt werden. Sie brauchen keine Konfiguration und keine Portfreigabe: Sie bauen von innen eine Verbindung zur Steuerung auf und holen sich von dort ihre Aufträge. Seit einigen Jahren gibt es sie zusätzlich als Software-Probe, die auf vorhandener Hardware läuft — auf einem Server, einem Kleinrechner oder einem Router mit passender Firmware.
Anchors sind Server in Rechenzentren. Sie messen nicht nur, sondern sind auch Ziel für Messungen anderer Probes — dadurch entsteht ein Netz fester Bezugspunkte, gegen die sich alles andere vergleichen lässt. Sie haben zudem mehr Rechenleistung und dürfen aufwendigere Messungen annehmen.
Zur Größenordnung, Stand Anfang 2026: rund 14.000 aktive Probes und Anchors, davon knapp tausend Anchors. An einem einzelnen Tag im November 2025 liefen knapp 200.000 Messungen mit mehr als 1,5 Milliarden Einzelergebnissen.
Was RIPE Atlas messen kann
Fünf Measurement-Typen, und die Auswahl ist bewusst begrenzt:
Ping — Erreichbarkeit, Latenz, Paketverlust. Traceroute — der Pfad zum Ziel samt Hops. DNS — welche Antwort ein bestimmter Nameserver von diesem Standort aus gibt. SSLCert — welches Zertifikat ein Server ausliefert. HTTP — eingeschränkt und nur gegen bestimmte Ziele.
Alle Messungen lassen sich als One-off oder wiederkehrend anlegen, mit Angabe des Ziels, des Intervalls und der Auswahl der Probes.
Durchsatz wird nicht gemessen, und das ist Absicht. Die Probes hängen an fremden Anschlüssen, deren Leitung dem Betreiber gehört. Eine Lastmessung würde diese Leitung belegen und wäre zudem wertlos, weil sie von allem abhängt, was der Haushalt sonst gerade tut. Wer Datenraten messen will, braucht ein anderes Werkzeug.
Daneben laufen ständig Built-in Measurements, die niemand beauftragt hat: Alle Probes prüfen fortlaufend die Erreichbarkeit der Root-Nameserver und einiger fester Ziele. Diese Daten liegen für jeden Standort rückblickend vor — und sind oft die schnellste Antwort auf die Frage, ob eine Störung gestern schon bestand.
Credits
Messungen sind nicht kostenlos, aber auch nicht käuflich. Bezahlt wird mit Credits, und die verdient man, indem man selbst einen Messpunkt betreibt:
Für jede Minute, die eine Probe verbunden ist, schreibt das System Credits zu — über einen Tag summiert es sich auf einen Betrag, der für laufende eigene Messungen reicht. Wer einen Anchor betreibt, verdient ein Mehrfaches davon.
Verbraucht wird je Ergebnis, und die Preise sind nach Aufwand gestaffelt. Ein Traceroute kostet etwa das Zehnfache eines Pings, DNS und SSLCert liegen dazwischen. One-off-Messungen kosten doppelt so viel wie wiederkehrende.
Daraus folgt die Logik des Ganzen: Wer Standpunkte zur Verfügung stellt, darf fremde Standpunkte nutzen. Das Netz wächst nicht durch Finanzierung, sondern durch Teilnahme — und wer nur messen will, ohne beizutragen, bekommt ein kleines Startguthaben und stößt schnell an dessen Grenze.
Alle Ergebnisse sind öffentlich
Dieser Punkt wird regelmäßig übersehen und hat praktische Folgen.
Jede Messung und jedes Ergebnis ist öffentlich abrufbar, auf Dauer gespeichert und über eine API maschinell auswertbar. Es gibt keine privaten Messungen. Wer also prüft, ob ein bestimmter Server erreichbar ist, veröffentlicht damit, dass er das geprüft hat, wann, und mit welchem Ergebnis.
Für die Forschung ist das der eigentliche Wert des Systems — der Datenbestand reicht Jahre zurück und erlaubt es, einen Vorfall nachträglich zu untersuchen, auch wenn damals niemand daran gedacht hat, zu messen. Für die betriebliche Nutzung ist es eine Einschränkung, die man kennen muss: Eine Zieladresse, die man nicht nennen will, gehört nicht in eine Messung.
Software-Probes sind dabei immer Public Probes; die nicht öffentliche Variante gibt es nur bei Hardware und auch dort nicht mehr neu.
Wo die Grenzen von RIPE Atlas liegen
Die Messpunkte stehen an Heimanschlüssen. Eine erhöhte Latenz kann daran liegen, dass im Haushalt gerade ein Video läuft, oder daran, dass die Probe an einem überlasteten Anschluss hängt. Einzelwerte sind deshalb wenig wert; belastbar werden Aussagen erst über viele Probes oder über die Zeit.
Die Verteilung ist ungleich. Europa ist dicht abgedeckt, einzelne Länder und Weltregionen haben nur eine Handvoll Messpunkte. Eine Auswahl „zehn Probes in Westafrika" liefert damit nicht zehn unabhängige Standpunkte, sondern womöglich zehn aus zwei Netzen.
Eine Messung ist eine Momentaufnahme. Was jetzt nicht erreichbar ist, kann in zehn Minuten gehen. Für Aussagen über Verfügbarkeit braucht es wiederkehrende Messungen über Tage.
Die Probe misst nur ausgehend. Sie ist kein Zugang in das Netz des Hosts, leitet nichts durch und nimmt keine Verbindungen von außen an — der häufigste Vorbehalt gegen das Aufstellen einer Probe beruht auf dieser Fehlannahme.
Der Standort ist nur grob bekannt. Veröffentlicht werden das AS, das Land und eine ungenaue Lage. Für Aussagen über einen bestimmten Ort reicht das nicht, für Aussagen über ein Netz gut.
Was sich damit beantworten lässt
Wirkt eine neue Peering-Beziehung? Vorher und nachher Traceroutes aus dem betroffenen Netz — der AS-Pfad zeigt die Änderung unmittelbar.
Wo sitzt eine Störung? Messungen aus mehreren Netzen gegen dasselbe Ziel. Scheitern alle, liegt es am Ziel; scheitert nur eines, liegt es dazwischen.
Wird ein Name überall gleich aufgelöst? DNS-Messungen von vielen Standorten gegen denselben Namen. Abweichungen zeigen Anycast-Verhalten, regionale Antworten — oder Eingriffe.
Funktioniert IPv6 wirklich? Parallelmessungen über beide Protokolle legen offen, wo ein Pfad nur auf dem Papier existiert.
Was war damals? Der Rückblick in die Built-in Measurements eines Standorts, ohne dass dafür vorher etwas eingerichtet werden musste.
Abgrenzung
Ein Looking Glass zeigt die Routingsicht eines Betreibers — welche Pfade sein Router kennt. Das ist eine Auskunft aus der Tabelle, keine Messung; es sagt nicht, ob Pakete ankommen.
Ein Traceroute vom eigenen Rechner liefert einen Standpunkt, nämlich den eigenen. Das Messnetz liefert fremde.
RIPEstat und die Datenportale der übrigen RIRs zeigen Zuteilungen, Ankündigungen und Statistiken. Sie beschreiben, was eingetragen und angekündigt ist; das Messnetz prüft, was tatsächlich funktioniert.
Eigene Dauermessungen mit Werkzeugen im eigenen Netz überwachen die eigene Seite gründlicher und dauerhaft, kennen aber nur den eigenen Blickwinkel.
Quellen
- RIPE NCC: RIPE Atlas — Dokumentation und Credit-System
- RIPE Labs: A Day in the Life of RIPE Atlas (Auswertung vom 1. November 2025)