Konkurrierende Wartbarkeit
Konkurrierende Wartbarkeit — englisch concurrent maintainability — bedeutet, dass sich jede Komponente und jeder Verteilweg eines Rechenzentrums außer Betrieb nehmen lässt, während der Betrieb weiterläuft. Kein Wartungsfenster, keine Abschaltung, keine Ankündigung an die Kunden.
Betreiber führen das Merkmal prominent in ihren Datenblättern, meist als „100 % concurrently maintainable“.
Warum das der wichtigere Grund ist
Redundanz wird gemeinhin mit Ausfallsicherheit erklärt. Das ist richtig, aber es verfehlt den Alltag.
Ein Ausfall ist ein seltenes Ereignis. Wartung ist ein ständiges. Filter wollen gewechselt, Batterien geprüft, Transformatoren gereinigt, Schaltanlagen turnusmäßig überprüft, Software in der Gebäudeleittechnik aktualisiert werden. Ohne konkurrierende Wartbarkeit bedeutet jede dieser Arbeiten eine geplante Unterbrechung.
Rechnet man zusammen, wie viele Komponenten in einem Haus wiederkehrend geprüft werden müssen, kommt man auf mehr Abschaltungen pro Jahr, als jede Verfügbarkeitszusage verträgt. Ein Rechenzentrum, das nicht konkurrierend wartbar ist, wird deshalb entweder unzuverlässig oder schlecht gewartet.
Was dafür nötig ist
Redundante Komponenten allein genügen nicht. N+1 sagt, dass ein Gerät ausfallen darf — nicht, dass man es herausnehmen kann.
Dazu braucht es:
- Trennmöglichkeiten an jeder Stelle. Absperrarmaturen im Kaltwasserkreis, Leistungsschalter in der Verteilung, Wartungsbypässe an der USV. Fehlt der Bypass, bedeutet jeder Tausch eine Abschaltung der Last.
- Zwei Wege bis zum Verbraucher. Ein Gerät mit nur einem Netzteil hängt an genau einem Pfad; siehe Stromversorgung im Rechenzentrum.
- Verfahren und Übung. Umschalten im laufenden Betrieb ist der Moment mit dem höchsten Risiko. Es braucht geschriebene Abläufe und Personal, das sie kennt.
Der letzte Punkt ist der, an dem es in der Praxis scheitert. Die Anlage kann die Umschaltung können und die Mannschaft nicht.
Abgrenzung zur Fehlertoleranz
Die beiden Begriffe stehen nebeneinander und meinen Verschiedenes:
| Konkurrierende Wartbarkeit | Fehlertoleranz | |
|---|---|---|
| Ereignis | geplant | ungeplant |
| Frage | Lässt sich das abschalten? | Übersteht es den Ausfall? |
| Vorbereitung | Umschaltung vorher vorbereitet | muss von selbst gehen |
Ein Haus kann konkurrierend wartbar sein und trotzdem bei einem unangekündigten Fehler ausfallen — etwa dann, wenn die Umschaltung zwar möglich ist, aber Zeit und einen Handgriff braucht. Fehlertoleranz verlangt, dass der Ausfall ohne Eingriff überstanden wird.
In der Stufeneinteilung des Uptime Institute entspricht die konkurrierende Wartbarkeit der dritten Stufe, die Fehlertoleranz der vierten. Die Verfügbarkeitsklassen nach EN 50600 beschreiben dasselbe Feld mit eigener Systematik.
Was es im Vertrag bedeutet
Steht das Merkmal im Angebot, ist die praktische Folge: keine geplanten Wartungsfenster. Das ist bei der Bewertung eines Standorts oft wichtiger als eine Verfügbarkeitszahl hinter dem Komma, weil angekündigte Abschaltungen in vielen Zusagen gar nicht als Ausfall gezählt werden.
Lohnend sind deshalb zwei Rückfragen: Gilt die Aussage für alle Gewerke oder nur für Strom? Und wie oft wurde im vergangenen Jahr tatsächlich im laufenden Betrieb umgeschaltet — eine Anlage, die es kann, aber nie tut, ist eine unerprobte Anlage.
Normen
- EN 50600-2-1 bis 2-5 – Einrichtungen und Infrastrukturen von Rechenzentren