Verfügbarkeitsklassen

Verfügbarkeitsklassen ordnen Rechenzentren danach ein, wie viel Ausfall ihre Infrastruktur verträgt, ohne den Betrieb zu beenden. Gemeint ist dabei immer die Gebäudetechnik — Strom, Kühlung, Verkabelung —, nicht die Software und nicht die Server.

Im Umlauf sind zwei Systeme, die unabhängig voneinander entstanden sind.

Die Tier-Klassifizierung

Sie stammt vom Uptime Institute, einem amerikanischen Unternehmen, und reicht von Tier I bis Tier IV. Die vier Stufen bauen aufeinander auf:

StufeKern
Tier IEinfache Versorgung, keine Reserve. Wartung bedeutet Abschaltung.
Tier IIReserve bei einzelnen Komponenten, aber nur ein Versorgungsweg.
Tier IIIWartung im laufenden Betrieb möglich. Jede Komponente lässt sich abschalten, ohne die Last zu unterbrechen.
Tier IVÜbersteht zusätzlich einen unvorhergesehenen Ausfall einer beliebigen Komponente, ohne Auswirkung.

Die praktisch wichtige Grenze liegt zwischen III und IV, und sie ist leichter zu merken als die Definitionen: Tier III schützt vor geplanter Abschaltung, Tier IV vor ungeplanter.

Die Zertifizierungsfrage

Tier ist keine Norm, sondern ein geschütztes Bewertungsschema eines einzelnen Anbieters. Zertifiziert wird in Stufen — die Planung, dann das gebaute Objekt, zuletzt der laufende Betrieb —, und jede Stufe kostet Geld und eine Prüfung vor Ort.

Daraus folgt eine Unterscheidung, auf die man achten sollte: „Tier III" und „nach Tier-III-Kriterien gebaut" sind nicht dasselbe. Die zweite Formulierung ist die ehrliche Variante für ein Haus, das die Anforderungen erfüllen soll, aber nie geprüft wurde. Wer eine Zertifizierung sucht, fragt nach der Urkunde und nach ihrer Stufe.

EN 50600

Die europäische Norm beschreibt dasselbe Anliegen anders. Sie ist mehrteilig, deckt Planung, Bau, Betrieb und Energieeffizienz ab und ordnet die Infrastruktur in Verfügbarkeitsklassen 1 bis 4 ein — grob vergleichbar mit Tier I bis IV, aber getrennt nach Gewerken: Stromversorgung, Klimatisierung und Verkabelung können unterschiedliche Klassen haben.

Das ist näher an der Wirklichkeit als eine einzige Gesamtnote, macht den Vergleich zwischen Anbietern aber aufwendiger. Daneben kennt die Norm Schutzklassen für die physische Sicherheit, die mit der Verfügbarkeit nichts zu tun haben.

International entspricht ihr die ISO/IEC 22237.

Verfügbarkeit in Prozent

Beide Systeme werden gern in Prozentzahlen übersetzt, und dabei entsteht der größte Teil der Missverständnisse.

Die Zahlen beschreiben einen statistischen Erwartungswert über ein Jahr, keine Zusicherung. 99,99 Prozent bedeuten rechnerisch rund 53 Minuten Ausfall im Jahr — sie sagen aber nichts darüber, ob diese Minuten an einem Dienstagmorgen am Stück anfallen oder verteilt in der Nacht.

Dazu kommt: Die Klasse beschreibt die Infrastruktur des Gebäudes. Was davon beim Dienst ankommt, hängt an Anwendung, Netz und Betrieb. Ein Tier-IV-Haus schützt nicht vor einem fehlerhaften Software-Update.

Die vertragliche Seite regelt das Service Level Agreement, und dort steht auch, was eine Unterschreitung kostet — meist deutlich weniger, als der Ausfall anrichtet.

Was die Klasse nicht abdeckt

Ein hochklassiges Rechenzentrum bleibt ein Standort. Gegen Hochwasser, Großbrand oder einen Bagger im Zuleitungsgraben hilft keine Redundanz im Haus, sondern nur ein zweites Haus in ausreichender Entfernung — Georedundanz.

Genau diese Lücke ist der Grund, warum Aufsichtsbehörden für kritische Anwendungen nicht nach der Tier-Stufe fragen, sondern nach dem zweiten Standort.

Abgrenzung

Tier-1-Netzwerke haben mit alledem nichts zu tun. Dort beschreibt „Tier" die Stellung eines Netzbetreibers im Internet, nicht die Verfügbarkeit eines Gebäudes. Gleiches Wort, anderes Thema — siehe Tier-1-Netzwerke.

Hochverfügbarkeit meint die Eigenschaft eines Systems, Ausfälle zu überstehen, und wird über Software und Systemarchitektur erreicht. Verfügbarkeitsklassen beschreiben das Gebäude darunter.

Normen

  • EN 50600 – Einrichtungen und Infrastrukturen von Rechenzentren, mehrteilig
  • EN 50600-2-2 – Stromversorgung und -verteilung
  • EN 50600-2-3 – Regelung der Umgebungsbedingungen
  • ISO/IEC 22237 – internationale Entsprechung zu EN 50600

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