Tier-1-Netzwerke
Ein Tier-1-Netz ist ein Netz, das das gesamte Internet erreicht, ohne für Transit zu bezahlen — allein über Peering auf Gegenseitigkeit und über seine eigenen Kunden. Der Begriff beschreibt damit keine Größe und keine Technik, sondern eine wirtschaftliche Stellung.
Die Definition und was aus ihr folgt
Zwei Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein: Das Netz kauft keinen Transit, und es erreicht trotzdem jedes Ziel im Internet.
Beides zusammen ist nur möglich, wenn das Netz mit allen anderen Netzen, die dieselbe Stellung haben, unentgeltlich peert. Daraus folgt eine Eigenschaft, die oft übersehen wird: Die Gruppe definiert sich gegenseitig. Ein Netz ist Tier-1, weil die übrigen Tier-1-Netze mit ihm peeren — und wenn eines davon die Beziehung kündigt, verliert es den Status, ohne dass sich an seinem Netz etwas geändert hätte.
Genau das ist mehrfach vorgekommen. Zwei große Netze haben ihre Peering-Beziehung über Konditionen zerstritten und beendet; für die Dauer des Streits waren die Kunden der einen Seite von denen der anderen nicht erreichbar, bis der Verkehr über Dritte geleitet wurde.
Welche Netze dazugezählt werden
Es gibt keine Stelle, die den Status verleiht oder bescheinigt. In der Praxis hat sich aber eine Liste eingebürgert, die aus den beobachtbaren BGP-Beziehungen abgeleitet wird und über die weitgehend Einigkeit besteht:
| AS | Netz | Sitz |
|---|---|---|
| 174 | Cogent Communications | USA |
| 701 | Verizon (UUNET) | USA |
| 1299 | Arelion (vormals Telia Carrier) | Schweden |
| 2914 | NTT | Japan |
| 3257 | GTT Communications | USA |
| 3320 | Deutsche Telekom | Deutschland |
| 3356 | Lumen (vormals Level 3) | USA |
| 3491 | PCCW Global | Hongkong |
| 5511 | Orange (Opentransit) | Frankreich |
| 6453 | Tata Communications | Indien |
| 6461 | Zayo | USA |
| 6762 | Telecom Italia Sparkle (Seabone) | Italien |
| 6830 | Liberty Global | Niederlande |
| 6939 | Hurricane Electric | USA |
| 7018 | AT&T | USA |
| 12956 | Telxius (Telefónica) | Spanien |
Stand Oktober 2026. Die Liste ist eine Beobachtung, keine Feststellung — und sie ist an den Rändern strittig.
AS3320 ist das einzige deutsche Netz in der Aufzählung. Für Anschlüsse in Deutschland hat das praktische Folgen: Ein großer Teil des Verkehrs erreicht sein Ziel innerhalb eines einzigen Netzes oder über dessen Peering-Beziehungen, ohne einen Transit-Anbieter zu berühren.
Wo die Liste unsicher ist
AS6939 wird regelmäßig mitgezählt und bezeichnet sich selbst so, erfüllt die Bedingung aber nur bei IPv6 zweifelsfrei. Bei IPv4 fehlen einzelne Beziehungen zu anderen Netzen der Gruppe, weshalb die Erreichbarkeit dort nicht vollständig aus Peering stammt. Der Fall ist das Lehrbuchbeispiel dafür, dass die Zugehörigkeit von den Vereinbarungen anderer abhängt.
AS6830 und AS6461 werden in manchen Aufzählungen geführt und in anderen nicht. Ihre Netze sind groß, aber nicht überall transitfrei.
Die Ränder sind damit kein Mangel der Liste, sondern Ausdruck der Definition: Wer vollständige Erreichbarkeit aus Peering bezieht, hängt von jeder einzelnen dieser Beziehungen ab, und die können gekündigt werden.
Die Liste schrumpft
Sie verändert sich nicht durch Aufstieg, sondern durch Zusammenschlüsse.
AS1239 (Sprint) stand 2007 an der Spitze der Rangfolge. Das Netz existiert weiter, gehört seit 2023 aber Cogent — und damit zählt es nicht mehr als eigenständiges Mitglied, sondern als Teil von AS174.
AS3549 (Global Crossing) und AS3561 (Savvis) waren eigenständige Mitglieder und sind über mehrere Übernahmen in dem aufgegangen, was heute Lumen ist.
Dass die Gruppe seit zwei Jahrzehnten dieselbe Größenordnung hat, täuscht deshalb: Es sind nicht dieselben Netze, und neue kommen praktisch nicht hinzu. Ein Netz, das heute transitfrei werden wollte, müsste sechzehn Gegenseiten davon überzeugen, ihm unentgeltlich zu peeren — ohne selbst etwas Gleichwertiges anbieten zu können.
Wie man es tatsächlich messen kann
Weil der Status nicht amtlich ist, behilft man sich mit einem messbaren Ersatzmaß: dem Customer Cone. Er beschreibt, wie viele Netze ein Netz über seine eigenen Kunden und deren Kunden erreicht — also ohne dafür zu zahlen.
Dieses Maß lässt sich aus den öffentlich beobachtbaren BGP-Daten berechnen und wird fortlaufend veröffentlicht. Es sagt mehr aus als die Zahl der Peering-Partner, die ein Netz nennt: Hundert Peering-Beziehungen zu kleinen Netzen bedeuten weniger als eine zu einem Netz mit großem Kundenkegel.
Die Rangfolge nach diesem Maß deckt sich nur ungefähr mit der Liste oben. Mehrere Netze mit sehr großem Kundenkegel sind nicht transitfrei, und einzelne Mitglieder der Liste liegen im Kundenkegel weit hinten.
Warum die Hierarchie flacher geworden ist
Das Bild einer Pyramide mit Tier-1 an der Spitze beschreibt das Internet der späten 1990er Jahre. Damals floss der Verkehr überwiegend von oben nach unten durch die Hierarchie.
Seitdem hat sich die Struktur verschoben, und zwar aus einem einzigen Grund: Der Großteil des Verkehrs stammt heute von einer kleinen Zahl von Inhalteanbietern und Auslieferungsnetzen. Diese betreiben eigene weltweite Netze, peern direkt mit den Zugangsanbietern und stellen ihre Server oft unmittelbar in deren Rechenzentren.
Für den typischen Datenstrom — ein Video vom Auslieferungsnetz zum Haushalt — kommt damit kein Tier-1-Netz mehr vor. Die Betreiber an der Spitze der alten Hierarchie transportieren einen schrumpfenden Anteil des Gesamtverkehrs, auch wenn sie für die Erreichbarkeit des langen Rests weiterhin unverzichtbar sind.
Bezeichnend ist, dass die größten Verkehrsquellen des heutigen Internets in der Liste oben nicht vorkommen. Sie brauchen den Status nicht: Wer Inhalte ausliefert, die alle haben wollen, wird von den Zugangsnetzen aufgesucht und muss nicht dafür bezahlen, sie zu erreichen.
Stolperstellen
„Tier-1-Anbindung" ist als Werbeaussage wertlos. Jeder Anbieter, der irgendwo Transit einkauft, kauft ihn letztlich von einem solchen Netz oder von dessen Kunden. Die Angabe unterscheidet nichts.
Tier-1 bedeutet nicht gutes Routing. Ein transitfreies Netz hat per Definition keinen Anbieter, der ihm einen Ausweichweg verkaufen könnte. Bei einem Peering-Streit oder einem Ausfall auf einer Hauptstrecke kann ein kleineres Netz mit drei Transit-Anbietern die besseren Wege haben.
„Tier-2" und „Tier-3" sind noch unschärfer. Sie sollen Netze bezeichnen, die teils peern und teils Transit kaufen, beziehungsweise solche, die ausschließlich kaufen. Eine Trennlinie zwischen beiden gibt es nicht.
Die Zahl der Peering-Partner ist kein Maß. Entscheidend ist, was hinter den Partnern liegt — nicht, wie viele es sind.
Der Status kann enden, ohne dass sich etwas ändert. Er hängt an den Vereinbarungen anderer, nicht am eigenen Netz.
Abgrenzung
Transit ist der gekaufte Zugang zum gesamten Internet. Ein Tier-1-Netz ist gerade dadurch bestimmt, dass es keinen kauft.
Peering ist der Austausch auf Gegenseitigkeit mit begrenzter Reichweite. Die wechselseitigen Peering-Beziehungen zwischen den Tier-1-Netzen sind das, was die Gruppe zusammenhält.
Der Customer Cone ist das messbare Ersatzmaß für den Rang eines Netzes.
Ein Internet Exchange Point ist ein Ort für Peering. Tier-1-Netze sind dort teils vertreten, bevorzugen untereinander aber private Übergänge.
Quellen
- CAIDA: AS Rank — Methodik des Customer Cone
- Kentik: Rückblick auf zwei Jahrzehnte Rangfolge der transitfreien Netze
- RIPE NCC: Peering and Interconnection