Peering
Peering ist der direkte Austausch von Datenverkehr zwischen zwei Netzen, ohne dass ein Dritter dazwischensteht. Beide Seiten geben dabei ausschließlich Verkehr weiter, der bei ihnen selbst oder bei ihren Kunden beginnt oder endet.
Der Unterschied zu Transit
Das ist die Unterscheidung, an der alles hängt, und der Punkt, der am häufigsten falsch verstanden wird.
Bei Transit kauft ein Netz von einem anderen den Zugang zum gesamten Internet. Der Anbieter kündigt seinem Kunden sämtliche ihm bekannten Wege an und transportiert dessen Verkehr überallhin. Dafür wird bezahlt, üblicherweise nach Bandbreite.
Bei Peering tauschen zwei Netze nur ihre eigenen Wege und die ihrer Kunden aus. Was ein Partner über seine eigenen Transit-Anbieter erreicht, gibt er dabei nicht weiter.
Peering gibt also keinen Zugang zum Internet, sondern nur zum Netz des Partners und zu dessen Kunden. Ein Netz, das ausschließlich peert und keinen Transit kauft, erreicht das Internet nicht vollständig — es sei denn, es hat mit jedem relevanten Netz eine Vereinbarung. Genau das ist die Definition eines Tier-1-Netzes.
Diese Unterscheidung erklärt auch, warum der Umfang eines Netzes nicht an der Zahl seiner Peering-Partner abzulesen ist, sondern an der Menge der Netze, die es ohne Bezahlung erreicht — dem Customer Cone.
Warum Netze peeren
Kosten. Verkehr, der über Peering läuft, muss nicht als Transit eingekauft werden. Bei großen Mengen ist das der wichtigste Beweggrund.
Laufzeit. Der direkte Weg ist kürzer als der über einen oder zwei Zwischenträger. Für Echtzeitanwendungen zählt das.
Kontrolle. Bei einer Störung gibt es einen Ansprechpartner statt einer Kette von Zuständigkeiten.
Unabhängigkeit. Wer viel peert, ist weniger abhängig von einzelnen Transit-Anbietern und deren Preisen.
Öffentlich und privat
Öffentliches Peering findet an einem Internet-Knoten statt. Alle Teilnehmer sind dort an dieselbe Vermittlungsstruktur angeschlossen, und Verbindungen zwischen ihnen entstehen ohne neue Leitung — es genügt, eine Sitzung aufzubauen. Für kleinere Netze ist das der übliche Einstieg.
Viele Knoten betreiben zusätzlich einen Route Server. Statt mit jedem Partner einzeln zu verhandeln, verbindet sich ein Teilnehmer einmal damit und erreicht darüber alle anderen, die ebenfalls angeschlossen sind. Das senkt den Aufwand erheblich, kostet aber Feinsteuerung.
Privates Peering ist eine eigene Leitung zwischen zwei Netzen, meist innerhalb desselben Rechenzentrums. Es lohnt sich ab Verkehrsmengen, bei denen ein eigener Anschluss günstiger ist als der Anteil am Knoten — und es entzieht den Verkehr dem gemeinsamen Vermittlungspunkt, was bei sehr großen Mengen auch für den Knoten selbst von Vorteil ist.
Bezahlt oder unentgeltlich
Klassisch ist Peering unentgeltlich: Beide Seiten tragen ihre eigenen Kosten, Geld fließt nicht. Die Annahme dahinter ist, dass beide ungefähr gleich viel davon haben.
Diese Annahme trägt nicht mehr überall. Zwischen einem Netz, das überwiegend Inhalte ausliefert, und einem, das überwiegend Endkunden anschließt, fließt der Verkehr weit überwiegend in eine Richtung. Der empfangenden Seite entstehen dabei Kosten im eigenen Netz, die sie nach dieser Logik allein trägt.
Daraus hat sich bezahltes Peering entwickelt: ein direkter Übergang, für den gezahlt wird, aber ohne den vollen Leistungsumfang von Transit. Preislich liegt es dazwischen.
Peering-Richtlinien
Netze veröffentlichen, unter welchen Bedingungen sie peeren. Drei Haltungen sind üblich:
Offen. Es wird mit jedem gepeert, der anfragt und technisch anschlussfähig ist. Üblich bei Netzen, die möglichst viel Reichweite ohne Transitkosten wollen.
Selektiv. Es gelten Bedingungen — eine Mindestverkehrsmenge, Anwesenheit an mehreren Standorten, ein Verhältnis zwischen ein- und ausgehendem Verkehr, das nicht zu einseitig sein darf.
Restriktiv. Es wird praktisch nicht gepeert, wer Zugang will, kauft Transit. Typisch für Netze, deren Geschäft gerade der Verkauf von Transit ist.
Die Verhältnisbedingung ist der häufigste Streitpunkt. Sie stammt aus einer Zeit, in der Verkehr ungefähr symmetrisch floss, und benachteiligt systematisch Netze, die Inhalte ausliefern. Wer sie fordert, verlangt von der Gegenseite faktisch eine Bezahlung.
Wo es in der Praxis klemmt
Peering-Konflikte enden selten im Ausfall, sondern in Überlast. Bleibt ein Übergang zwischen zwei Netzen ungenügend ausgebaut, weil sich die Seiten über die Kosten nicht einigen, äußert sich das für Endkunden abends als lahmes Streaming — während beide Netze für sich genommen fehlerfrei arbeiten.
Das ist für Betroffene schwer zu durchschauen: Eine Messung im eigenen Anschluss zeigt die volle Rate, ein Test gegen einen anderen Anbieter ebenfalls. Nur der eine Weg ist langsam, und niemand hat einen Fehler.
Einordnung in Deutschland
Frankfurt am Main ist einer der wichtigsten Peering-Standorte weltweit. Der dort ansässige Knoten (DE-CIX) gehört nach Verkehrsmenge zu den größten überhaupt, was historisch mit der zentralen Lage in Europa und der Konzentration von Rechenzentren im Rhein-Main-Gebiet zusammenhängt.
Weitere Knoten bestehen unter anderem in Berlin, Hamburg, München und Düsseldorf. Für ein Netz mit Kunden in Deutschland ist die Anwesenheit an mindestens einem davon der übliche Weg, Transitkosten zu senken.
Praktisches
Wer peeren will, veröffentlicht seine Angaben in einer Datenbank, in der Netze ihre Standorte, Verkehrsmengen und Richtlinien eintragen. Eine Anfrage beginnt üblicherweise mit einem Blick dorthin.
Technisch wird eine BGP-Sitzung aufgebaut. Dabei gehört beidseitige Filterung zum guten Ton: Angekündigt werden dürfen nur die eigenen Netze und die der Kunden. Fehlt die Filterung, kann ein Fehler auf einer Seite Verkehr anziehen, der dort nicht hingehört.
Abgrenzung
Transit ist der gekaufte Zugang zum gesamten Internet, Peering der Austausch auf Gegenseitigkeit mit begrenzter Reichweite.
Ein Internet-Knoten ist der Ort, an dem öffentliches Peering stattfindet — nicht die Vereinbarung selbst.
BGP ist das Protokoll, über das die Wege ausgetauscht werden.
Der Customer Cone beschreibt, welche Netze ein Netz ohne Bezahlung erreicht, und ist damit das Maß für das, was Peering einbringt.