Per-VLAN Spanning Tree

Abkürzung: PVST

Was ist PVST?

PVST steht für Per-VLAN Spanning Tree. Es handelt sich um eine proprietäre Erweiterung des Spanning Tree Protocol (STP) von Cisco. Im Gegensatz zum klassischen STP, das eine einzige Instanz für das gesamte Netzwerk unterhält, erlaubt PVST das Betreiben einer separaten Spanning-Tree-Instanz für jedes VLAN. Dadurch können unterschiedliche VLANs verschiedene logische Topologien nutzen, redundante Pfade besser auslasten und sich unabhängig voneinander konvergieren. PVST war die erste Lösung, um Spanning Tree und VLANs sinnvoll zu kombinieren, und bildete die Grundlage für spätere standardisierte Verfahren wie Multiple Spanning Tree (MST).

Das Problem des Common Spanning Tree (CST)

Das klassische Spanning Tree nach IEEE 802.1D, auch Common Spanning Tree (CST) genannt, kennt keine VLANs. Es berechnet einen einzigen schleifenfreien Baum für alle VLANs gemeinsam. In einem Netz mit mehreren VLANs und redundanten Pfaden führt das oft zu ineffizienten Pfaden und ungleichmäßiger Lastverteilung. Ein redundanter Uplink, der für ein VLAN einen optimalen Weg bieten würde, bleibt dauerhaft blockiert, weil der CST ihn für alle VLANs gleichermaßen sperrt. Eine lastabhängige Aufteilung der VLANs auf verschiedene Pfade ist nicht möglich. PVST löst dieses Problem, indem es jedem VLAN seinen eigenen Spanning Tree gibt.

Funktionsweise von PVST

PVST erzeugt pro VLAN eine unabhängige Instanz des Spanning Tree Protocol. Jede Instanz sendet eigene BPDUs (Bridge Protocol Data Units), wählt eine eigene Root Bridge und berechnet ihre eigenen Port-Rollen und -Zustände. Ein Uplink, der in einem VLAN blockiert ist, kann in einem anderen VLAN aktiv weiterleiten. Dies geschieht durch eine Erweiterung der Bridge-ID: Cisco fügt der standardmäßigen Bridge-ID (Priorität plus MAC-Adresse) die VLAN-ID als System-ID-Extension hinzu. Die Bridge-ID setzt sich damit aus der konfigurierbaren Priorität, der VLAN-ID und der MAC-Adresse zusammen. Dadurch kann derselbe Switch in verschiedenen VLANs unterschiedliche Bridge-IDs und somit verschiedene Root-Bridge-Rollen einnehmen.

PVST+ und die Kompatibilität zu IEEE 802.1Q

PVST in seiner ursprünglichen Form arbeitete mit Ciscos proprietärem ISL-Trunking-Protokoll. Mit der Einführung des standardisierten IEEE 802.1Q-Trunking entwickelte Cisco PVST+ als Nachfolger, das sowohl mit 802.1Q als auch mit ISL funktioniert. PVST+ tunnelt die proprietären BPDUs über das standardisierte Trunk-Protokoll und stellt die Interoperabilität mit Nicht-Cisco-Switches sicher, die lediglich einen einzigen Spanning Tree unterstützen. In gemischten Umgebungen bildet PVST+ die verschiedenen Instanzen auf den CST ab und verhindert so Protokollkonflikte. PVST+ ist die heute gebräuchliche Bezeichnung und in Cisco IOS und NX-OS implementiert.

Rapid PVST+

Rapid PVST+ kombiniert das schnelle Konvergenzverhalten von RSTP (Rapid Spanning Tree Protocol nach IEEE 802.1w) mit der VLAN-Instanziierung von PVST+. Anstelle der timerbasierten Zustandsübergänge des klassischen STP nutzt Rapid PVST+ Handshake-Mechanismen, um bei Ausfällen innerhalb von Millisekunden auf alternative Pfade umzuschalten. Jedes VLAN verfügt über eine eigene RSTP-Instanz. Rapid PVST+ ist der empfohlene Spanning-Tree-Modus für Cisco-Switches und wird in modernen Netzen praktisch flächendeckend eingesetzt. Er unterstützt sämtliche RSTP-Features wie Edge-Ports, Alternate-Ports und Backup-Ports pro VLAN.

Lastverteilung durch PVST

Ein Hauptvorteil von PVST ist die Möglichkeit des Load Balancing auf Layer 2. Betreibt ein Unternehmen zwei redundante Uplinks zwischen Verteil- und Kern-Switches, kann es die VLANs gezielt auf beide Pfade verteilen. VLAN 10 wird über Uplink A geleitet, VLAN 20 über Uplink B. Dazu konfiguriert der Administrator für VLAN 10 auf einem Verteiler-Switch eine niedrigere Priorität, sodass dieser die Root Bridge für VLAN 10 wird. Für VLAN 20 wird der andere Verteiler-Switch zur Root Bridge gemacht. Die Pfade sind für das jeweils andere VLAN blockiert. Diese manuelle Steuerung der Spanning-Tree-Topologie pro VLAN erlaubt eine flexible und planbare Nutzung der physischen Infrastruktur, ohne dass ein Link ungenutzt bleibt.

Konfiguration von PVST

PVST+ und Rapid PVST+ werden auf Cisco-Switches im globalen Konfigurationsmodus aktiviert und pro VLAN gesteuert. Die Priorität lässt sich für jedes VLAN einzeln setzen, indem der Befehl spanning-tree vlan [vlan-id] priority [wert] verwendet wird. Die Priorität muss in Vielfachen von 4096 angegeben werden, da die System-ID-Extension die niederwertigen Bits der Priorität für die VLAN-ID nutzt. Um einen Switch zur Root Bridge für ein bestimmtes VLAN zu machen, kann auch der Befehl spanning-tree vlan [vlan-id] root primary genutzt werden, der die Priorität automatisch um 4096 senkt. Mit show spanning-tree vlan [vlan-id] lässt sich der Status der Instanz anzeigen.

Abgrenzung zu anderen Spanning-Tree-Varianten

PVST ist von anderen Spanning-Tree-Verfahren zu unterscheiden, die ebenfalls VLANs unterstützen.

  • CST (Common Spanning Tree): Ein einziger Spanning Tree für alle VLANs. Keine Lastverteilung pro VLAN, einfache Konfiguration, aber ineffizient in redundanten Topologien.
  • PVST+: Pro VLAN ein STP. Proprietäre Lösung von Cisco mit Unterstützung für 802.1Q-Trunks. Bietet maximale Flexibilität bei der Topologiekontrolle, benötigt jedoch mehr CPU-Ressourcen und BPDU-Overhead, da für jedes VLAN eine separate Instanz läuft.
  • MST (Multiple Spanning Tree): Offener Standard nach IEEE 802.1s. Fasst mehrere VLANs zu einer Spanning-Tree-Instanz zusammen und reduziert so die Anzahl der Instanzen und den BPDU-Verkehr im Vergleich zu PVST+. Erreicht ebenfalls Lastverteilung durch Instanz-zu-VLAN-Mapping, ist aber kompatibel zu Nicht-Cisco-Geräten.

Vor- und Nachteile von PVST

PVST und insbesondere Rapid PVST+ bieten eine granulare Kontrolle über die Layer-2-Topologie pro VLAN und ermöglichen effektive Lastverteilung auf Basis der VLAN-Zugehörigkeit. Die schnelle Konvergenz mit RSTP-Mechanismen sichert kurze Ausfallzeiten. Als Cisco-proprietäre Technologie ist PVST jedoch nicht auf Switches anderer Hersteller portierbar, was zu Interoperabilitätsproblemen führen kann. Jede VLAN-Instanz verbraucht CPU-Ressourcen und erzeugt zusätzlichen BPDU-Verkehr, was in Umgebungen mit sehr vielen VLANs (mehrere Tausend) den Switch überlasten kann. In solchen Fällen ist MST die bessere Wahl, da es VLANs gruppiert und die Instanzanzahl minimiert.

Zusammenfassung

PVST ist eine leistungsfähige Erweiterung des Spanning Tree Protocol, die redundante Layer-2-Netze mit VLANs optimal nutzbar macht. Durch separate Instanzen pro VLAN lassen sich Pfade gezielt steuern und die Bandbreite der Infrastruktur voll ausschöpfen. Rapid PVST+ kombiniert diese Flexibilität mit den kurzen Konvergenzzeiten von RSTP und ist der Standardmodus auf modernen Cisco-Switches. In heterogenen Umgebungen oder bei einer großen Anzahl von VLANs kann der offene Standard MSTP die bessere Alternative sein, doch für Cisco-zentrierte Architekturen bleibt PVST ein zentrales Werkzeug des Netzwerkdesigns.

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