POF-Netzwerk im Vergleich mit Powerline

Beide versprechen Netzwerk ohne Cat-Kabel: Powerline nutzt die Stromleitung, POF eine dünne Kunststofffaser. Wann trägt was?

Ausgangslage

Wer im Bestand nachrüstet, hat meist keine Lust auf Cat-6-Kabel durch die Wand. Die Alternativen, die dann real zur Wahl stehen, sind WLAN-Mesh, Powerline und – deutlich weniger bekannt – POF. Dieser Guide vergleicht Powerline und POF, weil beide dasselbe Versprechen abgeben: eine feste, kabelgebundene Verbindung in einen anderen Raum, ohne Elektriker und ohne Stemmarbeiten. WLAN-Mesh kommt am Ende kurz zur Sprache, ist aber eine andere Kategorie.

Kurzfassung vorab: Powerline ist bequemer und funktioniert ohne jede Verlegung, liefert aber je nach Hausinstallation stark schwankende Werte. POF liefert konstante, vorhersagbare Bandbreite, muss aber physisch von A nach B – durch Leerrohr, Kabelkanal oder unter der Sockelleiste.

Powerline: Daten über die Stromleitung

Powerline (in Deutschland lange synonym mit devolos Marke dLAN) moduliert das Datensignal im Frequenzbereich zwischen etwa 2 und 86 MHz auf die 230-V-Leitung. Zwei konkurrierende Standards existieren: HomePlug AV2 (IEEE 1901) und G.hn (ITU-T G.9960). Der Marktführer devolo ist 2018 mit der Produktlinie Magic von HomePlug AV2 auf G.hn gewechselt; die dLAN-Adapter laufen nur noch als Altbestand. Adapter beider Standards sind untereinander nicht kompatibel.

Die beworbenen Datenraten – 1200 oder 2400 Mbit/s – sind PHY-Bruttowerte unter Idealbedingungen. Sie entstehen über MIMO-Verfahren, die neben Phase und Neutralleiter auch den Schutzleiter als drittes Übertragungsmedium nutzen. Real ankommen tut ein Bruchteil davon. Was tatsächlich ankommt, hängt von Faktoren ab, die man vorher kaum kennt:

  • Phasen: Liegen Sender und Empfänger auf verschiedenen Außenleitern, muss das Signal über den Zähler oder kapazitiv zwischen den Phasen koppeln. Das kostet massiv Dämpfung.
  • FI-Schutzschalter und Leitungsschutzschalter: Jeder Schalter im Pfad dämpft. Getrennte Stromkreise mit eigenem FI sind der klassische Powerline-Killer.
  • Steckdosenleisten und Netzfilter: Überspannungsschutz und Netzfilter sind für Powerline Sperrfilter. Der Adapter gehört direkt in die Wandsteckdose.
  • Störquellen: Schaltnetzteile, Dimmer, LED-Treiber, Ladegeräte und Induktionskochfelder streuen breitbandig genau in den Powerline-Bereich.
  • Leitungslänge und -alter: Alte Aluminium- oder Stegleitungen dämpfen stärker als moderne NYM-Leitungen.

Wie groß die Spanne ist, zeigen unabhängige Messungen an devolo-Magic-2-Adaptern (G.hn, 2400 Mbit/s brutto). ComputerBase maß 2021 mit iPerf über LAN-angebundene PCs: rund 580/545 Mbit/s (Download/Upload) bei beiden Adaptern an derselben Mehrfachsteckdose, 352/335 Mbit/s über 15 Meter im verzweigten Büro-Stromnetz und 163/165 Mbit/s im Einfamilienhaus über drei Etagen bei Elektrik von 2011. Dieselbe Redaktion merkt an, dass sich die Werte im selben Haus je nach Tageszeit und laufenden Verbrauchern verschieben. connect kam 2025 mit dem Nachfolger Magic 2 WiFi 6 next in einem älteren Einfamilienhaus auf 935/685 Mbit/s auf dem Powerline-Backbone – gute Elektrik, gutes Ergebnis. Ein Anwender in einem Stahlbetonhaus las 2019 aus der Adapterdiagnose 95 bis 396 Mbit/s je nach Richtung und Steckdose ab.

Zwischen 100 und 900 Mbit/s liegt also alles im Bereich des Normalen, und welches Ende man erwischt, weiß man erst nach dem Einstecken. Zwei Details aus der Praxis kommen dazu: Die Adapter brauchen nach der Erstinstallation ein bis zwei Stunden, bis die Kanalschätzung den Endwert erreicht hat, und ein Mischbetrieb von alten dLAN- (HomePlug AV2) und Magic-Adaptern (G.hn) drückt die Leistung des gesamten Verbunds.

Ein zweiter Punkt betrifft die Umgebung: Die Stromleitung ist keine geschirmte Leitung. Powerline-Adapter strahlen ab, weshalb die Norm EN 50561-1 Notching-Frequenzen für Rundfunk- und Amateurfunkbänder vorschreibt, und das Signal endet nicht an der Wohnungstür. Im Mehrfamilienhaus reicht es regelmäßig bis in die Nachbarwohnung. Die Verschlüsselung (AES-128 bei beiden Standards) verhindert das Mitlesen, nicht die gegenseitige Störung: Zwei oder mehr Powerline-Netze im selben Haus teilen sich das Medium.

POF: Daten über Kunststofffaser

POF (Polymer Optical Fiber) ist eine Lichtwellenleiter-Variante mit 1 mm Kern aus PMMA, als Duplexkabel etwa 2,2 mm dick und mit rotem Licht bei 650 nm betrieben. Im Heimnetz gibt es zwei Leistungsklassen: Fast Ethernet (100 Mbit/s) mit einfachen, steckerlosen Anschlüssen und Gigabit (1000 Mbit/s) nach IEEE 802.3bv. Das Kabel wird mit einem Cutter abgelängt und ohne Werkzeug in den Port gesteckt; eine Konfektionierung im eigentlichen Sinn entfällt.

Die Bandbreite ist – anders als bei Powerline – eine Eigenschaft des Links, nicht der Umgebung. 100 Mbit/s oder 1 Gbit/s liegen an, solange die Faser innerhalb der Dämpfungsreserve bleibt. Das ist bei den im Heimnetz üblichen Strecken bis etwa 50 m und wenigen Biegungen der Fall. Elektromagnetische Störungen, Phasen, FI-Schalter, Nachbarn: alles irrelevant, weil kein elektrisches Signal fließt.

Der Preis dafür ist die Verlegung. Die Faser muss durchgängig von Raum zu Raum. Das geht durch vorhandene Leerrohre – der große Vorteil gegenüber Cat-Kabel ist, dass 2,2 mm Faser durch Rohre passt, in denen ein RJ45-Stecker mit gut 11 mm Breite stecken bleibt –, unter Fußleisten, in Kabelkanälen oder parallel zur Stromleitung im selben Rohr. Letzteres ist bei POF-Kabel erlaubt, bei Cat-Kabel nicht. Ohne einen dieser Wege bleibt aber nur die sichtbare Verlegung.

Die zweite Einschränkung ist die Verfügbarkeit. POF-Heimnetzkomponenten kommen im Wesentlichen von einem Hersteller in Spanien und werden über wenige Vertriebspartner verkauft. Das Sortiment ist klein, Konkurrenz und Preisdruck gibt es kaum.

Vergleich nach Kriterien

Verlegung. Powerline: keine. Adapter in die Steckdose, fertig. POF: Faser muss physisch durch, dafür durch nahezu jeden Spalt, jedes Leerrohr und neben 230 V. Klarer Vorteil Powerline, sofern die Stromkreise passen; klarer Vorteil POF-Netzwerk, sobald ein Leerrohr da ist.

Durchsatz. Powerline: brutto bis 2400 Mbit/s, netto in Messungen zwischen rund 160 Mbit/s (mehrere Etagen) und gut 900 Mbit/s (günstige Elektrik), typisch 300 bis 600 Mbit/s zwischen Stromkreisen – abhängig von der Installation, vorher nicht vorhersagbar. POF: 100 Mbit/s oder 1 Gbit/s, konstant. Gegen Fast-Ethernet-POF liegt ein gutes Powerline-Netz vorne, ein schlechtes nicht; gegen Gigabit-POF-Switch verliert Powerline in praktisch jeder realen Installation.

Latenz und Jitter. Powerline arbeitet mit Kanalschätzung, adaptiver Modulation und Wiederholungen; Latenz und Jitter schwanken mit der Störlage. Ein POF-Netzwerk verhält sich wie Ethernet auf Kupfer. Für Gaming, VoIP und Videokonferenzen ist das der Unterschied zwischen „meistens gut" und „immer gut".

Störfestigkeit. Powerline ist selbst Störquelle und Störopfer. POF-Kabel ist gegen beides immun; eine Faser neben dem Induktionsfeld interessiert das Signal nicht.

Vertraulichkeit. Powerline verschlüsselt, das Signal verlässt aber die Wohnung. Ein POF-Netzwerk strahlt nicht ab und ist ohne physischen Zugriff auf die Faser nicht abhörbar.

Erweiterbarkeit. Powerline: neuer Adapter, neue Steckdose, Pairing per Taste. Jeder zusätzliche Adapter teilt sich aber dasselbe Medium mit allen anderen. POF: neuer Link, neue Faser; jede Strecke hat ihre eigene volle Bandbreite, aber jede Strecke muss verlegt werden.

PoE. Keines von beiden. POF trägt keinen Strom, Powerline-Adapter liefern keinen PoE an ihren LAN-Ports. Wer Access Points oder Kameras per PoE versorgen will, braucht in beiden Fällen einen lokalen Injektor oder Kupfer.

Stromverbrauch. Powerline-Adapter sind permanent aktive Modems. Gemessen wurden für devolo Magic 2 WiFi 6 rund 5,4 W im Leerlauf und 7,3 W bei Übertragung (ComputerBase), für den Nachfolger 4 W Standby und 10 W unter Last (connect) – jeweils pro Adapter, WLAN-Funk eingeschlossen; reine LAN-Adapter liegen darunter. Zwei Adapter im Dauerbetrieb summieren sich auf rund 100 kWh im Jahr. POF-Medienkonverter liegen im Bereich von 2-4 Watt.

Herstellerabhängigkeit. Powerline: mehrere Hersteller, zwei Standards, große Stückzahlen, aber Inkompatibilität zwischen HomePlug AV2 und G.hn. POF-Switche und POF-Konverter: wenige Hersteller, kleine Stückzahlen, dafür standardisierte Übertragung.

Entscheidungshilfe

Powerline ist die richtige Wahl, wenn Sender und Empfänger am selben Stromkreis oder zumindest an derselben Phase hängen, keine Störquellen im Weg sind, ein Leerrohr fehlt und die Anforderung bei „Internet im Arbeitszimmer" liegt. Vorher testen: Ein Starter-Kit lässt sich nach dem Fernabsatzrecht zurückgeben, und erst die Messung an der realen Steckdose zeigt, was ankommt.

POF ist die richtige Wahl, wenn ein Leerrohr, ein Kabelkanal oder ein anderer Verlegeweg existiert, die Verbindung dauerhaft und mit konstanter Bandbreite laufen soll, oder wenn Powerline bereits getestet wurde und enttäuscht hat. Auch bei Störumgebungen – Werkstatt, Küche mit Induktion, Altbau mit alter Elektrik – ist POF die verlässlichere Lösung.

POF-Verbindungen sind immer galvanisch getrennt und potentialfrei. Das ist bei der Netzwerkverbindung zwischen 2 Gebäuden ein Vorteil.

Cat-Kabel bleibt die richtige Wahl, wenn ohnehin gebaut wird, 10 Gbit/s oder PoE gebraucht werden oder die Wand sowieso offen ist.

Und WLAN-Mesh?

Mesh löst ein anderes Problem: Reichweite, nicht Kabelersatz. Ein Mesh-Knoten braucht selbst eine Anbindung, und genau dafür sind Powerline oder POF geeignet – devolo verkauft die meisten Magic-Adapter inzwischen als Powerline-Backhaul für WLAN-Zugangspunkte. Die Frage ist also nicht „Mesh oder Kabel", sondern „womit binde ich den Mesh-Knoten an". Reines Funk-Mesh (Knoten hängen per WLAN aneinander) verliert pro Hop Bandbreite und hat die schlechteste Latenz aller Optionen.

Fazit

Powerline ist ein Kompromiss, dessen Qualität vorher niemand kennt. POF ist ein Kabel, dessen Qualität vorher feststeht – wenn man es verlegt bekommt. Wer einen Verlegeweg hat, sollte ihn nutzen. Wer keinen hat, sollte Powerline testen, bevor er es kauft, und mit dem Ergebnis leben können, dass die Wandsteckdose im Schlafzimmer eben nur 80 Mbit/s hergibt.

Quellen

  • ComputerBase: Devolo Magic 2 WiFi 6 im Test – Übertragungsraten, Leistungsaufnahme (Frank Hüber, 30.11.2021)
  • connect: Devolo Magic 2 WiFi 6 next Kit im Test (Hannes Rügheimer, 30.9.2025)
  • macmaniacs.at: Devolo Magic 2 im Test (April 2019)
  • devolo Solutions GmbH: Produktübersicht Magic Powerline, Stand September 2026
  • Wikipedia (de): Devolo – Unternehmensgeschichte, Produktlinien
  • ITU-T G.9960 (G.hn), IEEE 1901 (HomePlug AV2), EN 50561-1

Erstellt: