Ausweicharbeitsplatz
Ein Ausweicharbeitsplatz, auch Ersatz- oder Notfallarbeitsplatz, ist ein Büroarbeitsplatz, den ein Unternehmen für den Fall bereithält, dass sein eigenes Gebäude nicht mehr nutzbar ist. Mehrere solcher Plätze an einem Ort heißen Business Continuity Center (BCC), international Work Area Recovery. Viele Colocation-Rechenzentren bieten solche Flächen zusätzlich zur Rackfläche an.
Wofür Ausweicharbeitsplätze da sind
Brand, Wasserschaden, ein langer Stromausfall, eine behördliche Sperrung nach einem Bombenfund: Das Gebäude ist weg, die IT im Rechenzentrum läuft weiter. Was fehlt, ist der Ort, an dem die Menschen arbeiten.
Für viele Tätigkeiten reicht dafür das Homeoffice. Für einige nicht:
- Handel und Zahlungsverkehr brauchen besonders gesicherte Netze, mehrere Bildschirme und Sprachaufzeichnung.
- Leitstellen und Callcenter hängen an Telefonanlagen, Sammelrufnummern und festen Abläufen.
- Bereiche mit hohem Schutzbedarf dürfen nicht aus privaten Wohnungen arbeiten.
Banken und Versicherer halten deshalb oft Ausweicharbeitsplätze vor; die Aufsicht erwartet, dass zeitkritische Geschäftsprozesse auch nach dem Ausfall eines Standorts weiterlaufen.
Wo sie stehen
| Ort | Merkmal |
|---|---|
| Business Continuity Center im Colocation-Rechenzentrum | kurze Wege zur eigenen IT im selben Rechenzentrum |
| Spezialisierter Dienstleister | eigene Gebäude nur für Ausweichflächen |
| Eigener Zweitstandort | volle Kontrolle, aber Fläche, die meist leer steht |
Wie weit entfernt
Der Ausweichort muss weit genug vom eigenen Standort entfernt sein, dass ihn dasselbe Ereignis nicht trifft — dieselbe Überlegung wie bei der Georedundanz. Eine feste Mindestentfernung schreibt keine Regel vor. Die EU-Verordnung DORA verlangt für den Finanzsektor nur, dass ein Ausweichstandort ein eigenes Risikoprofil hat: anderes Stromnetz, andere Hochwasserlage, andere Erdbebenzone.
Anders als beim Ausweich-Rechenzentrum setzt bei Arbeitsplätzen die Erreichbarkeit eine Grenze nach oben. Die Mitarbeiter müssen innerhalb von Stunden dort sein, auch wenn Bahn und Straßen nach dem Ereignis eingeschränkt sind. Ausweicharbeitsplätze liegen deshalb oft näher am Hauptstandort als das Ausweich-Rechenzentrum.
Andere eigene Standorte
Unternehmen mit Niederlassungen im In- und Ausland haben eine weitere Möglichkeit: Sie verlagern die Arbeit statt der Menschen. Fällt ein Standort aus, übernehmen Teams an anderen Standorten seine Aufgaben, bei weltweit verteilten Häusern auch über Zeitzonen hinweg. Das setzt voraus, dass Systeme, Rechte und Abläufe dort schon vorbereitet sind und die Mitarbeiter die Aufgaben beherrschen.
Exklusiv oder geteilt
Exklusive Plätze sind dauerhaft für einen Kunden reserviert und sofort nutzbar. Sie sind teuer, weil sie den Großteil der Zeit leer stehen.
Geteilte Plätze vermietet der Betreiber an mehrere Kunden zugleich, in der Annahme, dass nicht alle gleichzeitig einen Notfall haben. Die Verträge regeln, was passiert, wenn doch:
- Reihenfolge der Meldung. Wer den Notfall zuerst ausruft, bekommt die Plätze.
- Rangfolge. Kunden mit höherem Vertragsrang gehen vor.
- Nutzungsdauer. Die Plätze stehen nur für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung, danach muss der Kunde eine eigene Lösung haben.
- Verteilung. Der Betreiber vermeidet, dieselben Plätze an Kunden aus demselben Gebäude oder Viertel zu vergeben.
Das Risiko liegt im regionalen Ereignis: Ein Hochwasser oder ein großflächiger Stromausfall trifft viele Kunden auf einmal.
Was vorbereitet wird
Eigene Technik im Rack
Die Arbeitsplätze selbst sind meist neutral: Tisch, Stuhl, Strom, Netzwerkdose. Die Technik, die sie zu den Arbeitsplätzen eines bestimmten Unternehmens macht, steht vorbereitet in einem eigenen Rack des Kunden im Rechenzentrum:
- WAN-Anbindung zum eigenen Rechenzentrum oder zu den Netzen des Unternehmens
- Firewalls und Switches, fertig konfiguriert
- ein Patchfeld, über das sich die Anschlüsse im Ernstfall auf die Büroflächen durchpatchen lassen
Im Normalbetrieb ist nichts davon mit den Büroflächen verbunden. Erst im Notfall werden die Ports auf die Arbeitsplätze geschaltet, die der Kunde bekommt.
Clients
Rechner werden oft erst im Bedarfsfall eingerichtet, aus einem vorbereiteten Image oder als Thin Client auf eine zentrale Arbeitsumgebung. Fest installierte Clients veralten, wenn sie jahrelang nicht benutzt werden.
Telefonie
Rufnummern und Sammelanschlüsse müssen sich auf den Ausweichort umleiten lassen. Bei Telefonie aus der Cloud reicht oft das Anmelden am neuen Platz.
Übungen
Ein Ausweicharbeitsplatz, der nie benutzt wurde, funktioniert im Ernstfall selten. Deshalb gehören regelmäßige Übungen dazu: Mitarbeiter fahren hin, melden sich an und arbeiten einen Tag lang dort. Dabei zeigt sich, ob Zugangsausweise, Zugangsdaten, Drucker und Telefonie stimmen.
Abgrenzung
Disaster Recovery. Stellt die IT nach einem Ausfall wieder her. Der Ausweicharbeitsplatz sorgt dafür, dass die Menschen wieder an diese IT kommen.
Business Continuity Management. Der Rahmen, in dem beides geplant wird. Ausweicharbeitsplätze sind eine Maßnahme daraus.
Normen
- BSI-Standard 200-4 – Business Continuity Management
- ISO 22301 – Business Continuity Management Systems