Carrier Hotel

Ein Carrier Hotel ist ein Standort, dessen eigentliches Produkt nicht Fläche oder Rechenleistung ist, sondern Nähe. Der Wert des Gebäudes bemisst sich danach, wie viele Netzbetreiber dort vertreten sind — denn jeder weitere Beteiligte ist ein möglicher Zusammenschaltungspartner, den man ohne eigene Leitungsstrecke erreicht.

Ein deutscher Fachbegriff hat sich nicht durchgesetzt; gebräuchlich sind Umschreibungen wie Interconnection-Standort oder Netzknotengebäude.

Abgrenzung zum Rechenzentrum

Die Übergänge sind fließend, die Geschäftsmodelle jedoch verschieden.

Carrier HotelColocationHyperscale
ProduktZusammenschaltungFläche und Stromeigene Rechenleistung
KundenNetzbetreiber, InhalteanbieterUnternehmen aller Artein Betreiber
Erlösquelleüberwiegend VerbindungenFläche und StromDienste
LageinnerstädtischPeripherieländlich

Ein Carrier Hotel steht typischerweise dort, wo Grundstücke teuer sind — weil es an vorhandene Kabeltrassen und an die Netzknoten der Betreiber angebunden sein muss. Ein Hyperscale-Standort wird umgekehrt dort gebaut, wo Strom günstig und Fläche verfügbar ist.

Der Meet-Me-Room

Kern eines Carrier Hotels ist ein zentraler Raum, in dem die Verbindungen zwischen den Kunden hergestellt werden.

Jeder Kunde führt aus seinem eigenen Bereich eine Leitung dorthin. Im Meet-Me-Room werden zwei solcher Leitungen zusammengeschaltet, sodass eine direkte Verbindung zwischen zwei Kunden entsteht — ohne dass einer von beiden den Bereich des anderen betreten oder eine Leitung außerhalb des Gebäudes verlegen muss.

Der Raum wird vom Betreiber des Gebäudes verwaltet und ist neutral: Er gehört keinem der ansässigen Netzbetreiber. Genau diese Neutralität ist die Voraussetzung dafür, dass Wettbewerber sich dort zusammenschalten.

Cross Connect

Eine solche Verbindung heißt Cross Connect. Technisch handelt es sich um eine passive Verbindung — ein Glasfaser- oder Kupferkabel zwischen zwei Rangierfeldern.

Wirtschaftlich ist sie das wichtigste Produkt des Standorts. Abgerechnet wird monatlich je Verbindung, unabhängig von der übertragenen Datenmenge, und die Zahl der Cross Connects an großen Standorten geht in die Zehntausende.

Dass für ein passives Kabel eine dauerhafte Gebühr anfällt, ist regelmäßig Gegenstand von Kritik. Aus Sicht des Betreibers wird nicht das Kabel bezahlt, sondern der Zugang zum Ökosystem des Gebäudes.

Warum diese Gebäude entstanden sind

Viele Carrier Hotels befinden sich in ehemaligen Fernmeldegebäuden. Das ist kein Zufall — solche Bauten bringen mit, was sonst aufwendig nachzurüsten wäre:

  • hohe Deckentragfähigkeit, ausgelegt für frühere Vermittlungstechnik
  • vorhandene Kabeleinführungen und Steigetrassen
  • leistungsfähige Stromversorgung mit mehreren Einspeisungen
  • zentrale Lage an vorhandenen Leitungswegen
  • wenige Fenster und massive Bauweise

Hinzu kommt der historische Umstand, dass mit der Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte neue Betreiber Standorte suchten, an denen sie sich mit dem Bestandsnetz zusammenschalten konnten. Naheliegend war dafür das Gebäude, in dem dieses Netz ohnehin endete.

Netzwerkeffekt und Bindungswirkung

Der Wert eines Carrier Hotels wächst überproportional mit der Zahl der Anwesenden. Wer neu hinzukommt, wählt den Standort, an dem die meisten potenziellen Partner bereits sind — was den Vorsprung dieses Standorts weiter vergrößert.

Daraus folgt eine ausgeprägte Konzentration: In den meisten Ländern gibt es wenige dominierende Standorte und viele unbedeutende. In Deutschland ist Frankfurt am Main der zentrale Knotenpunkt.

Für den einzelnen Kunden entsteht daraus eine Bindungswirkung. Wer an einem Standort mehrere hundert Cross Connects unterhält, kann nicht umziehen, ohne jede einzelne Verbindung neu zu bestellen und dabei den Netzwerkeffekt zu verlieren. Der Wechsel scheitert nicht an der Technik, sondern an der Zahl der Beziehungen.

Verhältnis zum Internet Exchange

Beide Begriffe werden häufig verwechselt, bezeichnen aber unterschiedliche Dinge.

Ein Internet Exchange ist eine gemeinsame Vermittlungsstruktur, über die viele Beteiligte gleichzeitig Verkehr austauschen. Ein Teilnehmer schließt sich einmal an und erreicht darüber alle anderen Teilnehmer.

Ein Cross Connect verbindet dagegen genau zwei Parteien miteinander. Er ist aufwendiger je Beziehung, dafür unabhängig von der gemeinsamen Struktur und in der Kapazität frei bestimmbar.

In der Praxis ergänzen sich beide: Ein Internet Exchange ist meist in einem oder mehreren Carrier Hotels untergebracht, und dieselben Unternehmen nutzen den Austauschpunkt für viele kleinere Beziehungen und Cross Connects für die wenigen großen.

Bauliche Anforderungen

Neben den üblichen Anforderungen an Stromversorgung und Kühlung sind zwei Punkte kennzeichnend.

Getrennte Kabeleinführungen. Ein Standort mit nur einer Einführung ist verwundbar — ein Baggerschaden vor dem Haus träfe sämtliche Kunden gleichzeitig. Ernstzunehmende Standorte verfügen über mehrere, baulich getrennte Einführungen aus verschiedenen Richtungen.

Kapazität der Steigetrassen. Da jeder Cross Connect ein zusätzliches Kabel bedeutet, wachsen die Trassen über die Jahre erheblich. Ihre Dimensionierung begrenzt die Aufnahmefähigkeit des Gebäudes stärker als die verfügbare Stellfläche.

Risikokonzentration

Die Bündelung an wenigen Standorten schafft eine Verwundbarkeit, die dem Gedanken eines dezentralen Netzes zuwiderläuft.

Fällt ein bedeutendes Carrier Hotel aus — durch Brand, Stromausfall oder Beschädigung der Zuführungen —, ist davon ein überproportionaler Anteil des Verkehrs betroffen. Da viele Betreiber ihre redundanten Wege ebenfalls über denselben Standort führen, greift die geplante Ausfallsicherheit dann nicht.

Große Betreiber begegnen dem, indem sie an mehreren Standorten präsent sind und ihre Verbindungen bewusst über verschiedene Gebäude führen. Für kleinere Beteiligte ist das häufig nicht wirtschaftlich darstellbar.

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