RADIUS – Remote Authentication Dial-In User Service
Abkürzung: RADIUS
Das Protokoll stammt aus der Einwahlzeit — daher das „Dial-In" im Namen. Geblieben ist es, weil sein Grundgedanke trägt: Nicht jeder Switch, Access Point und VPN-Zugang führt eine eigene Benutzerverwaltung, sondern alle fragen dieselbe Stelle.
Authentication, Authorization, Accounting
RADIUS deckt drei Aufgaben ab, die gern in einem Atemzug genannt und selten auseinandergehalten werden. Sie geben dem Protokoll seine zweite Bezeichnung: AAA-Protokoll, nach den Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe.
Authentication — Authentifizierung. Ist der Teilnehmer der, für den er sich ausgibt?
Authorization — Autorisierung. Was darf er? Der Server schickt mit der Zusage Attribute mit — VLAN, Filterregeln, Sitzungsdauer.
Accounting — Abrechnung. Wann hat er sich an- und abgemeldet, wie viel hat er übertragen? Dafür gibt es einen eigenen Nachrichtentyp und einen eigenen Port.
Die Trennung ist mehr als Terminologie. Ein Server kann einen Teilnehmer erfolgreich authentifizieren und ihm anschließend sehr wenig erlauben — und ein Zugang kann Accounting liefern, ohne dass jemand die Daten je auswertet.
Wie eine Anfrage abläuft
Der Netzzugang — bei 802.1X der Authenticator — schickt einen Access-Request mit Benutzername und Nachweis. Der Server antwortet mit einem von drei Paketen:
Access-Accept mit den Attributen für die Sitzung. Access-Reject ohne weitere Begründung. Oder Access-Challenge, wenn er eine Rückfrage stellt — bei EAP laufen auf diese Weise ganze Dialoge über viele Runden.
Alle Angaben stecken als Attribute im Paket, jeweils aus Typ, Länge und Wert. Das Verfahren ist damit erweiterbar, und Hersteller nutzen das ausgiebig über herstellereigene Attribute.
Nachträglich lässt sich eine laufende Sitzung beeinflussen: Mit einer Disconnect-Request oder CoA-Request genannten Nachricht kann der Server ein Gerät trennen oder ihm im Betrieb andere Rechte zuweisen.
Das gemeinsame Geheimnis
Zwischen jedem Netzgerät und dem Server ist ein gemeinsames Geheimnis vereinbart. Es wird nicht übertragen, sondern geht in die Berechnung ein — und genau hier liegt die Altlast des Protokolls.
Verschlüsselt ist nämlich nur das Kennwortfeld. Benutzername, zugewiesenes VLAN, Filterregeln und alle übrigen Attribute stehen im Klartext im Paket. Und die Berechnung selbst beruht auf MD5.
Blast-RADIUS
2024 wurde gezeigt, wohin das führt. Der als Blast-RADIUS bekannte Angriff nutzt die Kollisionsschwäche von MD5 gegen den Response Authenticator, mit dem der Server seine Antwort absichert.
Ein Angreifer, der zwischen Netzgerät und Server sitzt, kann damit ein Access-Reject in ein Access-Accept verwandeln — ohne das gemeinsame Geheimnis zu kennen. Aus einer abgelehnten Anmeldung wird eine angenommene.
Die Gegenmaßnahme steckt bereits im Protokoll: das Attribut Message-Authenticator, eine Prüfsumme über das gesamte Paket. Sie beruht zwar ebenfalls auf MD5, aber als HMAC — und die HMAC-Konstruktion hängt kaum an der Kollisionsresistenz, ist von diesem Angriff also nicht betroffen. Nötig ist nur, dass sie in jedem Paket steht und auf beiden Seiten geprüft wird. Genau das war lange optional.
Transport
RADIUS läuft über UDP, auf Port 1812 für Authentifizierung und 1813 für Abrechnung. Ältere Installationen verwenden noch 1645 und 1646, die ursprünglich vergeben und später korrigiert wurden — eine Fehlerquelle beim Einrichten.
UDP bedeutet: keine Verbindung, keine Reihenfolgegarantie, keine Transportverschlüsselung. Die Wiederholung bei Paketverlust muss der Client selbst erledigen.
RadSec
Die Antwort darauf ist RADIUS über TLS, gebräuchlich als RadSec. Das gesamte Paket wandert dann durch eine verschlüsselte und beidseitig authentifizierte Verbindung, womit sowohl die Klartextattribute als auch die MD5-Schwäche gegenstandslos werden.
Zu beachten ist der Reifegrad: RFC 6614 für RADIUS über TLS und RFC 7360 für die UDP-Variante darüber sind als Experimental veröffentlicht. Ihre Überführung in den Standards Track läuft in der IETF.
Der laufende Entwurf
Die RADEXT-Arbeitsgruppe arbeitet an einem Dokument, das unsichere Praktiken abkündigt. Sein Kernsatz lautet, dass es nicht länger hinnehmbar sei, dass RADIUS sich für die Sicherheit auf MD5 stützt.
Vorgesehen ist, dass RADIUS über UDP außerhalb gesicherter Netze nicht mehr verwendet wird, dass der Message-Authenticator in Anfragen zwingend und nicht abschaltbar ist, und dass außerhalb gesicherter Netze RadSec oder IPsec zum Einsatz kommt.
Der Stand ist ein Entwurf, kein RFC — Version 09 vom März 2026. Fristen nennt er nicht, nur die Erwartung, dass die Umstellung erhebliche Zeit braucht. Wer heute plant, sollte die Richtung trotzdem einrechnen.
Abgrenzung
TACACS+ stammt aus derselben Zeit und derselben Aufgabe, verschlüsselt aber den gesamten Paketinhalt und trennt die drei A sauber voneinander. Es ist bei der Verwaltung von Netzgeräten verbreitet, beim Netzzugang kaum.
Diameter war als Nachfolger gedacht — der Name ist ein Wortspiel, der Durchmesser ist das Doppelte des Radius. Durchgesetzt hat es sich im Mobilfunkkern, nicht im Unternehmensnetz.
Kerberos löst eine andere Aufgabe: Dort weist sich ein Nutzer einmal aus und erhält Tickets für weitere Dienste. RADIUS entscheidet je Zugang neu.