POF oder Glasfaser
Beide übertragen Licht, beide sind gegen Störungen immun – und trotzdem überschneiden sie sich kaum. Die Entscheidung fällt fast immer vor der ersten Rechnung.
Ausgangslage
Wer ein Netz plant und über Lichtwellenleiter nachdenkt, steht vor zwei Fasern, die technisch dieselbe Idee verfolgen und in der Praxis völlig verschiedene Aufgaben erfüllen. Polymerfaser (POF) hat einen Kern von 1 mm aus PMMA und arbeitet mit rotem Licht. Glasfaser hat einen Kern von 9 oder 50 µm aus Quarzglas und arbeitet im Infrarot-Bereich. Der Faktor zwischen den Kerndurchmessern ist über 100 – und er erklärt so gut wie alles, was danach kommt.
Dieser Guide vergleicht beide für Gebäudenetze: Heimnetz, Büro, Anlage. Für Weitverkehr, Rechenzentrum und alles über 10 Gbit/s stellt sich die Frage nicht; dort gibt es nur Glasfaser.
Kurzfassung: POF ist die Faser für den, der selbst installiert und kurze Strecken überbrückt. Glasfaser ist die Faser für den, der Bandbreite und Reichweite braucht und die Konfektionierung einkauft oder Fertigkabel verlegt.
Der Kern erklärt den Rest
Ein 1-mm-Kern nimmt viel Licht auf, verzeiht seitlichen Versatz und lässt sich mit einer Klinge trennen: Bei 1 mm Durchmesser spielt eine Unebenheit von 10 µm keine Rolle. Deshalb braucht POF weder Spleißgerät noch Poliersatz noch Mikroskop, und deshalb koppelt eine einfache LED genug Licht ein.
Ein 9-µm-Kern verlangt das Gegenteil: Zwei Fasern müssen auf wenige Mikrometer genau zueinander stehen, die Stirnflächen müssen poliert und sauber sein, und die Lichtquelle muss ein Laser sein, weil eine LED in diesen Kern zu wenig Leistung bringt. Dafür führt dieser Kern nur eine Mode – und damit praktisch unbegrenzt Bandbreite über praktisch unbegrenzte Strecken.
Die 50-µm-Multimode-Faser liegt dazwischen: Sie ist noch mit Steckverbindern im Feld handhabbar, braucht aber ebenfalls Politur und Präzision.
Vergleich nach Kriterien
Reichweite. POF-Netzwerk: 50 m bei 1 Gbit/s, etwa 100 m bei 100 Mbit/s. Multimode-Glasfaser: 550 m bei 1 Gbit/s, 100 bis 400 m bei 10 Gbit/s. Singlemode: 10 km und mehr. Das ist der entscheidende Unterschied, der die meisten Entscheidungen vorwegnimmt.
Dämpfung. POF liegt bei 0,16 bis 0,23 dB pro Meter – 50 m kosten also 8 bis 12 dB. Glasfaser liegt bei 0,2 bis 3 dB pro Kilometer, je nach Typ und Wellenlänge. Der Faktor zwischen beiden liegt bei rund tausend. Das ist keine Schwäche der POF, sondern die Konsequenz aus Material und Wellenlänge: PMMA absorbiert im Roten, Quarzglas im nahen Infrarot fast nicht.
Bandbreite. POF im Heimnetz endet bei 1 Gbit/s nach IEEE 802.3bv. Im Labor und mit perfluorierten Spezialfasern geht mehr, am Markt ist das eine Nische. Glasfaser überträgt 10, 40, 100 Gbit/s und darüber auf derselben Faser, die schon liegt – hier liegt die eigentliche Zukunftssicherheit.
Konfektionierung. POF-Kabel: Cutter, Mantel absetzen, einstecken, verriegeln. Zwei Minuten pro Ende, kein Strom, kein Werkzeugkoffer, machbar ohne Schulung. Glasfaser: Spleißgerät (vierstelliger Betrag) oder Feldkonfektionierung mit mechanischem Spleiß, Politur, Reinigung, Mikroskopkontrolle. Oder eben Fertigkabel mit vorkonfektionierten Steckern, die dann durch jedes Rohr passen müssen. Das ist der Punkt, an dem POF für Selbstinstallierer gewinnt.
Verlegung. POF: 2,2 mm Duplexkabel, Biegeradius 25 mm, robust gegen Knicke bis zu dieser Grenze, kein Splitterrisiko. Glasfaser: dünner, biegeempfindlicher (biegeunempfindliche Typen ausgenommen), und gebrochene Glasfaserenden sind scharfe Splitter, die sicher entsorgt werden müssen. Beide passen durch Rohre, in denen Cat-Kabel steckenbleibt; beide dürfen neben 230 V liegen.
Störfestigkeit und Potentialtrennung. Gleichstand. Beide Fasern übertragen kein elektrisches Signal, sind gegen EMV immun, strahlen nicht ab und trennen Potentiale vollständig. Wer nur dieses Argument sucht, kann die Faser nach anderen Kriterien wählen.
Sender und Empfänger. POF-Konverter und POF-Switch: LED oder RCLED bei 650 nm, Silizium-Photodiode, wenige Euro Bauteilkosten, sichtbares Licht (Sichtprüfung möglich, Augensicherheit bei Klasse 1 unkritisch). Glasfaser: Laser oder VCSEL bei 850, 1310 oder 1550 nm, InGaAs-Empfänger, unsichtbares Licht – nie in die Faser sehen, und die Fehlersuche braucht ein Messgerät oder eine separate Rotlichtquelle.
Messtechnik. POF: Quelle und Leistungsmesser mit Si-Detektor, oft reicht die Sichtprüfung. Glasfaser: OTDR, Leistungsmesser, Steckermikroskop, Reinigungsmaterial. Ein Glasfaser-Messgerät taugt für POF nicht (falscher Detektor, falsche Wellenlänge) und umgekehrt ebenso wenig.
Komponentenmarkt. POF-Netzwerk: wenige Hersteller, überschaubares Sortiment, kaum Preisdruck, Heimnetzkomponenten im Wesentlichen aus einer Quelle. Glasfaser: riesiger Markt, jede Komponente von Dutzenden Anbietern, Preise entsprechend.
Kosten. Bei der Faser selbst nehmen sich beide wenig. Der Unterschied liegt im Rundherum: POF braucht Konverter an jedem Ende (je etwa 3 W, Steckernetzteil oder 230 V in der Dose), aber kein Werkzeug. Glasfaser braucht SFP-Module oder Medienkonverter und entweder teures Werkzeug oder einen Dienstleister. Für eine einzelne Strecke im Haus ist POF günstiger, für zehn Strecken im Neubau mit Fachbetrieb kippt es.
Wann was
POF passt, wenn:
- im Bestand nachgerüstet wird und ein Leerrohr vorhanden ist, in dem Cat-Kabel nicht durchgeht
- die Strecke unter 50 m liegt
- 1 Gbit/s reichen
- selbst installiert wird, ohne Fachbetrieb und ohne Werkzeuginvestition
- ein Access Point, ein Arbeitsplatz, ein Smart-TV angebunden werden soll
- die Strecke ein Störfeld quert: Werkstatt, Umrichter, Küche mit Induktion
Glasfaser passt, wenn:
- die Strecke über 50 Meter geht, zwischen Gebäuden verläuft oder ins Nebenhaus
- mehr als 1 Gbit/s gebraucht werden oder in absehbarer Zeit gebraucht werden
- ohnehin gebaut wird und ein Fachbetrieb verkabelt
- eine Backbone-Strecke entsteht, an der später Switches mit SFP hängen
- die Installation dokumentiert und abgenommen werden muss
Kupfer bleibt richtig, wenn Wände offen sind, PoE gebraucht wird oder kurze Strecken zu vielen Geräten laufen – Cat 6A liefert 10 Gbit/s auf 100 m und Strom dazu.
Die Kombination
In der Praxis stehen die beiden häufig hintereinander statt nebeneinander. Der typische Aufbau nach einem Glasfaseranschluss: Die Glasfaser des Netzbetreibers endet am ONT im Keller, von dort führt POF durch die vorhandene Elektroinstallation in die Zimmer. Im Gewerbebau dasselbe eine Etage größer: Glasfaser als Backbone zwischen den Verteilern, POF von den Verteilern in die Fläche. Jede Faser dort, wo ihr Kern hingehört.
Fazit
Die Frage „POF oder Glasfaser" beantwortet sich meist schon an der Streckenlänge und an der Frage, wer installiert. Unter 50 m und in Eigenregie ist POF der kürzere Weg; darüber, oder wenn ein Betrieb verkabelt, gibt es keinen Grund, etwas anderes als Glasfaser zu legen. Wer beides in einem Gebäude hat, hat meistens richtig geplant.
Quellen
- IEEE 802.3bv-2017 (1000BASE-RH, Gigabit Ethernet über POF)
- IEC 60793-2-40 (Polymerfasern, Kategorien A4a bis A4h)
- IEEE 802.3 Clause 38/52/86 (Glasfaser-Ethernet, Reichweiten je Faserklasse)
- U.I. Lapp GmbH: Kurzanleitung PROFIBUS Optical Link Module (Dämpfung und optisches Budget POF/PCF/Glas)
- Siemens Industry Online Support, Beitrag 109754843 (Reichweiten POF, PCF und Glasfaser im Vergleich)