Biegeradius

Der minimale Biegeradius gibt an, wie eng ein Kabel gebogen werden darf, ohne Schaden zu nehmen. Er wird als Vielfaches des Kabelaußendurchmessers angegeben — und ist die Vorgabe, gegen die auf Baustellen am häufigsten verstoßen wird.

Statisch und dynamisch

Zu unterscheiden sind zwei Werte, und Datenblätter nennen beide:

Dynamisch gilt während der Verlegung, solange Zugkraft am Kabel ist. Hier ist der zulässige Radius größer, weil Zug und Biegung zusammenwirken.

Statisch gilt im verlegten, entlasteten Zustand und ist der kleinere Wert.

Faustregeln, soweit das Datenblatt fehlt:

Kabeltypdynamischstatisch
Patchkabel, flexibel≈ 8 × Ø≈ 4 × Ø
Verlegekabel Twisted Pair≈ 12 × Ø≈ 8 × Ø
Koaxialkabel≈ 15 × Ø≈ 10 × Ø
Glasfaser-Außenkabel≈ 20 × Ø≈ 10 × Ø

Maßgeblich ist immer die Herstellerangabe; die Spanne zwischen Bauarten ist groß.

Was bei Kupfer passiert

Eine zu enge Biegung verformt den Kabelaufbau. Die Adern verschieben sich gegeneinander, der Abstand zwischen den Leitern eines Paares ändert sich, und mit ihm die Impedanz.

Das ist keine Theorie, sondern messbar: An der Biegestelle entsteht ein Impedanzsprung, der reflektiert. In der Abnahmemessung zeigt sich das als verschlechterte Rückflussdämpfung und als Einbruch bei NEXT und ACR-F — Werte, die ohne die Biegung in Ordnung wären.

Bei geschirmten Kabeln kommt hinzu, dass die Folie reißen kann. Ein gerissener Paarschirm hebt genau die Eigenschaft auf, für die das Kabel gekauft wurde.

Der häufigste Einzelfall in der Praxis ist kein Bogen, sondern ein zu fest angezogener Kabelbinder: Er erzeugt auf kurzer Strecke dieselbe Verformung. Klettband und handfest angelegte Binder sind der Grund, warum sauber gebaute Schränke keine Einschnürungen zeigen.

Was bei Glasfaser passiert

Hier ist der Mechanismus anders und die Folge ernster.

Makrobiegung: Bei zu engem Bogen verlässt Licht den Kern und tritt in den Mantel aus. Die Dämpfung steigt, und zwar stark wellenlängenabhängig — bei 1625 nm deutlich früher als bei 1310 nm. Deshalb wird bei der Abnahme auf der langen Wellenlänge mitgemessen: Eine Biegung, die bei 1310 nm unauffällig ist, fällt dort auf.

Mikrobiegung: Punktuelle Verformungen, etwa durch einen Kabelbinder oder ein Steinchen unter dem Kabel, erzeugen denselben Effekt auf kleinster Länge.

Biegeunempfindliche Fasern nach G.657 mildern das erheblich. Ihre Klassen nennen zulässige Radien bis in den Bereich von sieben bis zehn Millimetern, während Standardfaser nach G.652 rund dreißig Millimeter verlangt. Das ist der Grund, warum Hausinstallationen mit Glasfaser heute überhaupt praktikabel sind — eine Standardfaser verträgt keinen Bogen hinter einer Fußleiste.

Der Spätschaden

Der wichtigste Punkt steht am Ende, weil er der unangenehmste ist:

Eine zu eng gebogene Faser kann einwandfrei messen und Jahre später brechen. Die Biegung erzeugt mechanische Zugspannung an der Faseroberfläche. Zusammen mit Feuchtigkeit wachsen vorhandene Mikrorisse langsam weiter — Spannungskorrosion. Irgendwann reißt die Faser an einer Stelle, an der niemals etwas geschehen ist.

Daraus folgt, dass eine erfolgreiche Abnahmemessung die Einhaltung des Biegeradius nicht belegt. Sie zeigt den Zustand von heute. Die Einhaltung ist eine Frage der Ausführung und der Sichtprüfung — Kassetten, Führungen und Mindestradien in Verteilern existieren genau deshalb.

Wo die Werte zu beachten sind

An der Einführung in Gehäuse und Dosen, in Spleißkassetten, an Kabelführungen im Schrank, bei der Reserveschlaufe, am Übergang vom Steigbereich in die Etage, und beim Einblasen an jedem Richtungswechsel des Rohrverlaufs. Beim Einblasen begrenzt der Rohrbogen zusätzlich die mögliche Einblaslänge.

Abgrenzung

Die Zugkraft ist die zweite mechanische Grenze bei der Verlegung und wird in Newton angegeben.

Die Muffe und der Spleißverteiler sind so gebaut, dass die Faserführung den Radius von sich aus einhält.

Die Rückflussdämpfung ist die Messgröße, an der sich eine Biegung bei Kupfer zeigt; bei Glasfaser ist es die Dämpfung auf der langen Wellenlänge.

Quellen

  • ITU-T G.657: Characteristics of bending-loss insensitive single-mode optical fibre
  • ITU-T G.652: Characteristics of a single-mode optical fibre and cable
  • IEC 60794: Lichtwellenleiterkabel — Mechanische Prüfverfahren
  • ISO/IEC 11801: Generic cabling for customer premises

Erstellt: · Überarbeitet: