Disjunkte Wegeführung

Disjunkt heißt durchschnittsfremd: Zwei Wege sind disjunkt, wenn sie nichts gemeinsam haben. In der Netzplanung beschreibt der Begriff, wie unabhängig zwei redundante Verbindungen wirklich sind. Zwei Leitungen von zwei Carriern sind nur dann eine echte Redundanz, wenn kein einzelnes Ereignis beide unterbricht.

Die Begriffe kommen aus der Graphentheorie. Ein Netz besteht dort aus Knoten und Kanten.

Knoten und Kanten

BegriffIn der TheorieIn der Praxis
KanteVerbindung zwischen zwei KnotenKabelstrecke, Trasse, Leerrohr, Brückenquerung
KnotenPunkt, an dem Kanten zusammentreffenKabelschacht, Verteiler, Netzknoten des Carriers, Hauseinführung, Meet-Me-Room

Kantendisjunkt

Zwei Wege sind kantendisjunkt, wenn sie keinen Kabelabschnitt gemeinsam haben. Sie dürfen sich aber in Knoten treffen, etwa im selben Schacht oder im selben Netzknoten des Carriers. Ein Bagger auf einer Strecke trifft nur einen Weg; ein Brand im gemeinsamen Schacht trifft beide.

Knotendisjunkt

Zwei Wege sind knotendisjunkt, wenn sie außer Anfang und Ende keinen Knoten gemeinsam haben. Jeder knotendisjunkte Weg ist auch kantendisjunkt, denn wer keinen Knoten teilt, kann auch keine Kante teilen. Umgekehrt gilt das nicht.

Ereigniskantendisjunktknotendisjunkt
Bagger trifft eine Trasseein Weg betroffenein Weg betroffen
Brand oder Wasser im gemeinsamen Schachtbeide betroffenein Weg betroffen
Ausfall eines gemeinsamen Netzknotensbeide betroffenein Weg betroffen

Für ein Rechenzentrum oder einen Unternehmensstandort ist die Anforderung deshalb meist knoten- und kantendisjunkt.

Wo die Disjunktheit verloren geht

Gleicher Kabelweg, verschiedene Carrier. Viele Carrier mieten Fasern bei denselben Netzbetreibern. Zwei Verträge mit zwei Firmen können über dieselbe Faser im selben Kabel laufen.

Letzte Meile. Die Wege laufen getrennt durch die Stadt und treffen sich dann in der letzten Straße vor dem Gebäude im selben Leerrohr.

Hauseinführung. Zwei Leitungen kommen über denselben Point of Entry ins Gebäude. Ein Rechenzentrum mit Anspruch hat mindestens zwei Einführungen an verschiedenen Gebäudeseiten.

Im Gebäude. Getrennt bis zur Hauswand, dann gemeinsam im selben Steigschacht oder auf derselben Kabeltrasse bis zum Rack.

Brücken und Engstellen. Über einen Fluss oder eine Bahnlinie führen oft nur wenige Wege. Mehrere Trassen nutzen dieselbe Querung.

Logische statt physischer Trennung. Zwei Verbindungen in getrennten VLANs oder MPLS-Pfaden sind logisch getrennt, laufen aber womöglich über dieselbe Faser.

Netzbetreiber fassen Strecken, die ein gemeinsames Risiko tragen, zu einer Shared Risk Link Group (SRLG) zusammen. Zwei Wege aus derselben Gruppe gelten nicht als disjunkt, auch wenn sie auf dem Papier verschieden aussehen.

Wie man sie nachweist

Eine Zusage „redundant“ oder „diversitär“ im Angebot reicht nicht. Belastbar sind:

  • Trassenpläne beider Wege, als Karte mit den Knotenpunkten, idealerweise als Datei, die sich übereinanderlegen lässt
  • Benannte Knoten auf beiden Wegen: Schächte, Verteiler, Netzknoten
  • Vertragliche Zusage, dass die Wege disjunkt bleiben und Änderungen angekündigt werden — Carrier verlegen Strecken um, etwa nach Baustellen, und aus zwei getrennten Wegen werden unbemerkt einer

Wer zwei Carrier beauftragt, sollte beide nach ihren Trassen fragen und die Pläne selbst vergleichen. Kein Carrier kennt die Wege des anderen. Oft sind Carrier allerdings nicht bereit, ihre Trassenführung mit dem Kunden zu teilen.

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